Schweiz: Deutscher Islamist schlägt mit Machete auf den «Emir von Winterthur» ein

Sandro V. trifft den Angreifer auf einem Winterthurer Parkplatz. Es geschieht am vergangenen Freitag, kurz vor 23 Uhr. V., der vom Bundesstrafgericht in Bellinzona im letzten Sommer als Kopf der Winterthurer Islamistenszene verurteilt worden ist, gerät in einen Streit mit dem Mann. Während der Auseinandersetzung attackiert sein Kontrahent ihn mit einer Hiebwaffe, mutmasslich einer Machete.

Nach der Attacke bleibt Sandro V. verletzt zurück. Er muss sich in Spitalpflege begeben. Der Angreifer setzt sich hingegen ab – über die Landesgrenze nach Deutschland. Doch er bleibt nicht lange auf freiem Fuss. Deutsche Polizisten verhaften den 43-Jährigen noch am Wochenende. Es soll sich bei ihm um einen bekannten Exponenten aus der deutschen Islamistenszene handeln.

Auf deutscher Seite wird das Verfahren von der Staatsanwaltschaft Konstanz geführt. Auf Anfrage sagt Sprecher Andreas Mathy, man ermittle wegen gefährlicher Körperverletzung gegen den 43-Jährigen. Untersuchungshaft ist in seinem Fall jedoch nicht beantragt worden. Mathy sagt: «Der Mann machte eine Notwehrsituation geltend, welche nicht eindeutig widerlegt werden konnte». Es hätten entsprechend nicht genügend Haftgründe vorgelegen. Inzwischen ist zudem klar, dass der mutmassliche Täter nicht alleine handelte. Laut Mathy wird gegen eine weitere Person wegen Mittäterschaft beziehungsweise Gehilfenschaft ermittelt. Zu einer Verhaftung kam es dabei jedoch nicht.

Die Hintergründe der Tat sind bis anhin noch unklar. Laut gut informierten Personen könnte es sich um eine Abrechnung im Islamistenmilieu gehandelt haben. Sandro V., der sich einst selbst als «Emir von Winterthur» bezeichnete, habe sich bis heute nicht aus den extremen Kreisen gelöst. Im letzten Sommer hatte V. etwas anderes behauptet: Während seines Prozesses vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona sagte er aus, er habe sich selbst entradikalisiert. Dies sei ihm auch in einem Bericht vom Gewaltschutz der Kantonspolizei Zürich bestätigt worden.

Vor Gericht erklärte sich der Konvertit so: Er sei früher streng gläubig gewesen. Doch die barbarischen Handlungen des IS hätten ihm klargemacht, dass die Ideologie der Terrormiliz absolut falsch sei.

Dem schenkte das Gericht aber keinen Glauben. Im September 2020 verurteilte es den Winterthurer zu einer Freiheitsstrafe von 50 Monaten.Die Begründung des vorsitzenden Richters lautete: «Er war ein geradezu fanatischer Anhänger und Befürworter des IS sowie von dessen Vorgängerorganisation.» V. habe die Ideologie der Terrororganisation nicht nur geteilt, sondern auch verbreitet. Man habe hierzu unzählige Beweise auf Datenträgern sichergestellt. Insgesamt wiege sein Verschulden schwer, zumal eine Einsicht seiner Taten nicht erkennbar sei.

Der Verteidiger des 34-Jährigen hatte zuvor vergeblich einen vollumfänglichen Freispruch verlangt. Gegen das Urteil hat V. mittlerweile Berufung eingelegt. Deshalb befindet er sich derzeit auf freiem Fuss.

Wie sich der Winterthurer radikalisiert hat, ist bis heute nicht ganz klar. Frühere Bekannte beschrieben ihn gegenüber der NZZ als jungen Kerl mit einem Faible für Autos, als einen, der viel kiffte und einen Kampfhund hielt. Er soll stolz gewesen sein auf seine italienische Herkunft und die katholische Religion. Sie erzählen von einem Mann, der einnehmend sein konnte, gut aussah, aber zugleich etwas rastlos wirkte.

Ende der nuller Jahre veränderte sich Sandro V. und konvertierte zum Islam. Mitte November 2013 reiste er schliesslich nach Istanbul und von dort mit einem Geländewagen ins Krisengebiet nach Syrien. Knapp einen Monat später kehrte er in die Schweiz zurück. Dank seinem Status als «Rückkehrer» gewann er in der rasch wachsenden Winterthurer Islamistenszene an Ansehen. 2014 gründete er mit dem Thaibox-Weltmeister Valdet Gashi die unterdessen wieder geschlossene Kampfsportschule MMA Sunna, ein wichtiger Treffpunkt der jungen Salafisten.

Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft zeigten zudem, dass er in Kontakt mit berüchtigten Hasspredigern wie Bilal Bosnić oder Mirsad Omerović stand. V. sprach von «Exklusivkontakten» zu den radikalen Geistlichen.

Immer wieder fiel Sandro V.s Name im Zusammenhang mit Jihad-Reisenden, welche die Schweiz verliessen, um sich im Kriegsgebiet dem Islamischen Staat anzuschliessen. Mehrere junge Männer trainierten vor ihrer Abreise in seiner Kampfsportschule, die nach muslimischen Regeln geführt wurde. Das bedeutet: keine Musik, keine Frauen. Mehrere dieser jungen Männer starben später in Syrien und im Irak. 2016 wurde V. von der Polizei festgenommen, er verbrachte daraufhin ein Jahr in Untersuchungshaft. Dann kam er unter Auflagen wieder frei.

Die Behörden ermittelten jahrelang gegen den Winterthurer. Der Prozess im vergangenen Jahr war für sie ein zentraler Fall. In ihrer Anklageschrift skizzierte die Bundesanwaltschaft von V. das Bild einer salafistischen Leitfigur in der Schweiz, die «eine Intermediärstellung innehatte» zu radikalen Geistlichen im Ausland. Sie stützte sich dabei auf die Auswertung von Telefonaten, Chats, Bildern und Videos sowie auf Zeugenaussagen.

https://www.nzz.ch/zuerich/islamismus-deutscher-attackiert-emir-von-winterthur-mit-machete-ld.1611683

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