Was Islamisten in französischen Schulen anrichten – Schulleiter rekrutieren ihr Aufsichtspersonal gleich im kleinkriminellen oder salafistischen Quartiermilieu

Jüdische Kinder sind die Ersten, die den religiösen Hass zu spüren bekommen. Als Jean-Pierre Obin, Generalinspektor des französischen Erziehungsministeriums, 1996 eine Schule in einem Einwanderungsviertel von Lyon evaluiert, eröffnet ihm der Rektor folgendes: «Herr Generalinspektor, ich muss Ihnen mitteilen, dass meine beiden letzten jüdischen Schüler das Collège verlassen haben.»

Er habe alles versucht, um die Kinder zu schützen, versichert der Rektor. Aber auf dem Schulweg seien sie weiter gemobbt und geschlagen worden. Heute zeigen Untersuchungen, dass in Frankreich nur noch jedes dritte jüdische Kind eine öffentliche Schule besucht. Die grosse Mehrheit hat sich aus Angst vor islamistisch motivierter Gewalt in jüdische und katholische Privatschulen zurückgezogen. Nachzulesen sind diese Tatsachen in Jean-Pierre Obins kürzlich erschienenem Buch «Comment on a laissé l’islamisme pénétrer l’école» («Wie wir den Islamismus in die Schulen eindringen liessen»).

Das Buch ist in Frankreich just vor den Terrorakten im letzten Oktober erschienen, als ein Islamist den Lehrer Samuel Paty auf offener Strasse enthauptete und ein tunesischer Asylsuchender in Nizza drei Kirchgängerinnen mit dem Messer tötete. Obins Befunde haben in Frankreich für grosses Aufsehen gesorgt; im deutschsprachigen Raum sind sie jedoch höchstens auszugsweise zitiert worden, da bis jetzt keine Übersetzung vorliegt.

Dabei hat der pensionierte Lehrer und Schulinspektor den Aufstieg des Islamismus während Jahrzehnten verfolgt. Und was er auf knapp 160 Seiten zu sagen hat, ist nicht nur für französische Leser interessant. Die Probleme, die er beschreibt, sind mittlerweile in fast allen europäischen Einwanderungsgesellschaften virulent – ansatzweise in der Schweiz, deutlich in deutschen Grossstädten wie Berlin, wo jüdische Kinder gemobbt werden und sich Jugendliche öffentlich mit Patys Mörder solidarisiert haben.Erhellend ist die Lektüre aber auch, weil in Frankreich genau jene Verdrängungs- und Abwehrmechanismen wirken, die im Westen populär sind: Relativieren, Wegsehen, Leugnen, die Schuld bei anderen suchen. Anders als manche Soziologen und Politiker betrachtet Obin den Islamismus nicht als «französisches» Problem, das vor allem durch Diskriminierung und einen aggressiven Laizismus genährt wird.Die Hauptursache der heutigen Probleme ortet er deshalb in der islamischen Welt selber, wo sich religiöse Eiferer und Antisemiten ab den 1970er Jahren vielerorts durchgesetzt haben oder zumindest eine grosse Popularität geniessen. Durch die Agitation der Muslimbrüder, der Salafisten und anderer Gruppen ist diese «Islamisierung des Islam» laut Obin auch in Europa spürbar – besonders in Frankreich, wo 43 Prozent aller Einwanderer Muslime sind.

Die Befunde, die er Erziehungsminister Luc Ferry 2003 zusammen mit anderen Forschern vorlegt, sind erschreckend. Denn neben dem verbalen und gewalttätigen Antisemitismus fallen islamistisch inspirierte Schüler und Eltern durch eine offene Verachtung demokratischer Werte und Prinzipien auf. Sie lehnen es ab, bestimmte Bücher zu lesen, historische Fakten wie den Holocaust zur Kenntnis zu nehmen oder dem Biologieunterricht zu folgen. Sie protestieren gegen gemischten Turnunterricht, und sie weigern sich, Frauen oder Homosexuellen die Hand zu geben.

Dazu gibt es Berichte von Jungen, die Mädchen und «Ungläubige» drangsalieren. Ein Lehrer berichtet, er unterrichte nur noch mit dem Koran auf dem Pult. Eine Schule im Departement Drôme verzichtet darauf, die französische Trikolore zu hissen, weil diese regelmässig verbrannt wird. Und in Marseille, wo an manchen Schulen jeder zehnte Schüler schon einmal im Knast war, haben Jugendliche ein Mädchen verfolgt und getötet, das sie der Sittenlosigkeit bezichtigten.

Chlorallergien, dank denen sich Schülerinnen vom Schwimmunterricht dispensieren lassen können, haben gemäss Obin epidemische Ausmasse angenommen. Und einige Schulleiter rekrutieren ihr Aufsichtspersonal gleich im kleinkriminellen oder salafistischen Quartiermilieu, denn vor den lokalen Grand Frères haben die Jugendlichen wenigstens Respekt. Die Verantwortung für diesen fortschreitenden «Separatismus» ortet der ehemalige Staatsfunktionär einerseits bei den Salafisten, die in Frankreich die etwas minder radikalen Muslimbrüder vielerorts beerbt haben.

Die Hauptschuld tragen seiner Meinung nach jedoch die Bildungsbehörden, die Schulleitungen und die Politiker, die «ihre» Lehrer allzu oft im Stich lassen – aus Angst, Bequemlichkeit oder ideologischer Verblendung. Denn während sozial bessergestellte Eltern das Problem verschärfen, indem sie ihre Kinder in «sicheren» und privaten Schulen platzieren (ein Verhalten, das bei linksliberalen Bobosbesonders beliebt ist), gibt es offiziell gar kein Problem.

Allerdings schreibt er der politischen Linken eine massgebliche Verantwortung für die in Ministerien und Universitäten verbreitete Tendenz zu, sämtliche Muslime als Opfer zu betrachten. Die marxistisch inspirierte, in Frankreich traditionell starke extreme Linke geht dabei besonders weit.

Denn diese «Opferlinke» (Obin) betrachtet die Muslime nicht nur als neues Proletariat; sie scheut sich auch nicht davor, mit erzreaktionären Islamisten zu kooperieren. Gemeinsam klagt man über die Islamophobie, die USA und den «Zionismus», mit dem oft schlicht die Juden gemeint sind. Neben der extremen Linken definiert Obin eine «sozialliberale» Linke, die einem kulturrelativistischen Multikulturalismus huldigt sowie eine «moralisierende», ehemals christlichsoziale Linke; diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie Staaten weder das Recht zugesteht, Migration zu steuern, noch von Migranten Pflichten einzufordern.

Objektiv, so Obin, würden auch diese Strömungen zu nützlichen Idioten der Islamisten, selbst wenn sie nicht offen mit ihnen kooperierten.

https://www.nzz.ch/feuilleton/frankreich-schulen-im-griff-des-islamismus-ld.1595049?fbclid=IwAR1Nb_GzomF_YmK3ingmWOsd7wgbRwNI-lA74lRBrLcKlV7i9hkmemZIJdY

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