Der Fall Bruneck: Zivilcourage unter Anklage – was die Beteiligten sagen

Nach den gewalttätigen Geschehnissen im Pustertaler Hauptort Bruneck, sind die Ermittlungen seitens der Ordnungskräfte abgeschlossen. Die Beteiligten haben mit einem geharnischten Gerichtsverfahren zu rechnen. Die Anklage lautet: Unterlassene Hilfeleistung, Körperverletzung und Rassismus. UT24 hat mit den Beteiligten gesprochen.

Das Schreiben wird von 12 in Bruneck lebenden Schwarzafrikanern verfasst und am Samstag den Medien überreicht. Es nimmt Bezug auf das, was vor einer Woche in Bruneck geschehen ist.

Die Briefschreiber möchten die „Beurteilung des Falles dem Richter überlassen“, wollen Polemiken vermeiden und den Frieden bewahren. „Wir, die diesen Brief unterschreiben, möchten Vorurteile gegen uns entkräften“, heißt es.Im letzten Teil des offenen Briefes wird der jetzt hart diskutierte Punkt angesprochen: „Natürlich kann jeder Mensch nur für sich einstehen und sprechen, was wir allerdings sagen, ist, dass niemand von uns in Bruneck und Umgebung jemals einen rassistischen Übergriff erlebt hat und dass wir allen Menschen aus Bruneck und Umgebung überaus dankbar für die weitreichende Hilfe sind, die sie uns entgegengebracht haben“.

Die Medienberichte, welche sich mit dem Fall von Bruneck auseinandersetzen werfen mitunter ein verworrenes Licht auf das Geschehene.

Mit Titel wie „Brutaler Angriff auf Schwarzen“ oder „Rassismus in Bruneck“ wird dem Täter schnell das Kleid des Opfers übergestülpt.

Warum Menschen in derartige Verhaltensweisen abdriften, wie der Nordafrikaner in Bruneck, wird meistens mit der Perspektivlosigkeit der Betreffenden erklärt.

Der Brunecker Primar für Psychiatrie, Markus Huber, sagt zu Rai Südtirol, dass das Ausrasten von jungen Männern auf mehrere Faktoren zurückzuführen ist. „Unter anderem seien Hilflosigkeit und fehlende Konfliktfähigkeit dafür verantwortlich, sowie meist auch ein zusätzlicher Missbrauch von Drogen und Alkohol“.

Die in den sozialen Netzwerken zirkulierenden Videos zeigen den Exzess an seinem Höhepunkt. Der nach seinen gefährlichen Angriffen, überwältigte, am Boden liegende Afrikaner, wird getreten und er wird auch beschimpft. Das ist nicht zu entschuldigen, aber zu erklären, meinen die direkt Beteiligten, in einem Gespräch mit UT24.

Der 29-jährige W.G. und die 31-jährige V.O. gehören zu jenen, wenigen, die sich an jenem Abend in Bruneck dagegen wehren, dass jemand mit einer zerbrochenen Flasche in der Hand auf Menschen los geht. Sie kommen beide ins Krankenhaus und müssen verarztet werden: Schnitte in der Hand und Prellungen tragen sie davon. (UT24 berichtete).

Von UT24 auf den Vorwurf der rassistischen Beleidigungen angesprochen, sagt W.G.: „Es kann sein, dass etwas dabei gewesen ist. Es ist alles sehr schnell gegangen. Ich war von dem Geschrei der umstehenden Menschen irritiert. Die Worte, die da fielen, möchte ich hier nicht wiederholen – es kann sein, dass auch wir etwas Ungutes gesagt haben.

Es mischen sich in solchen Momenten Wut und Angst zu einem Mix zusammen, der einem ganz sicher unkontrolliert macht“.
W.G. ergänzt, dass er keinen Kurs für Selbstverteidigung belegt habe, kein Schläger sei, ein friedliebender Mensch ist.

Warum er überhaupt die Courage aufgebracht habe, sich gegen diesen gefährlichen Menschen zu stellen – immerhin wirft er laut Zeugenaussagen, große Blumentröge um.

Ein Mädchen, welches ihn beruhigen will, schlägt er. Ihrem Kollegen, der in unmittelbarer Nähe steht, verpasst der Nigerianer einen harten Schlag ins Gesicht und attackiert ihn mit Tritten.

Erst als ein großgewachsener Herr eingreifen will, sucht der Mann, zunächst das Weite. Beim Hotel Post kreisen ihn Passanten ein und überwältigen ihn. Andere Menschen gehen dazwischen.

Der Nigerianer türmt erneut, kommt aber mit einer Bierflasche zurück, die er kurzerhand einem Passanten aus der Hand reißt. Dieser schlägt er den Boden ab und kehrt mit dem Flaschenhals in der Hand wieder zur Menschenansammlung zurück.

Dem Mädchen, dass ihn vorher beruhigen will, fügt er damit eine Schnittwunde an der Hand zu.

W.G. erklärt sein Eingreifen mit der Selbstverständlichkeit in einem solchen Fall einzuschreiten. „Wenn es ein Einheimischer gewesen wäre, hätten wir ganz gleich gehandelt. Wenn ich sehe, dass da jemand andere Menschen bedroht, sie in Lebensgefahr bringt und niemand geht dazwischen, dann kann ich gar nicht mehr anders“.

Dabei wäre es W.G. einerlei gewesen, wenn der Angreifer zwei Köpfe größer gewesen wäre: „Meine Kollegin und ich versuchten zunächst, ihn anzusprechen und ihn zu fragen, was das soll – in diesem Moment haben wir beide schon eine mit der Faust bekommen“.

Die Courage der beiden wird nunmehr auf der Ebene der Justiz seine Fortsetzung finden. „Wir wissen derzeit noch nicht genau, was in der Anzeige stehen wird“, sagt V.O.

Wie die beiden bisher vernommen haben, würde die Anklage „unterlassene Hilfeleistung“ zum Inhalt haben. Das, so V.O., „sehe ich überhaupt nicht ein, denn da stand eine unendlich große Menschenmenge, viele lachten, die meisten hatten das Handy in der Hand – und schauten nur zu, wie wir versuchen, ihn zu beruhigen, bis die Polizei eintrifft“. Hätten zwei, drei starke Männer geholfen, ihn am Boden festzuhalten, dann wäre die Sache ganz anders ausgegangen, ist V.O. überzeugt.

Laut Stand vom Wochenende, würden drei Personen wegen „unterlassener Hilfeleistung“ angezeigt, sagt W.G., er selbst würde noch wegen zweier weiterer Vergehen angeklagt: Rassismus und Körperverletzung.
„Die Anzeige wegen Rassismus, kann ich nicht verstehen“, sagt W.G. Er habe nie ein Problem mit Ausländern gehabt, habe mit einigen bereits über mehrere Jahre zusammengearbeitet.

„Ich habe mich ins Geschehen geworfen, nicht weil ein Schwarzer der Täter ist, sondern weil mich die Gefahr, welche von diesem Menschen ausging, dazu bewogen hat“ resümiert W.G.

Mit dieser Einschätzung ist W.G. nicht alleine. Landesweit haben sich zahlreiche Menschen zu dem Fall öffentlich geäußert. In den sozialen Netzwerken, werden den jetzt Angeklagten, Dank und Anerkennung für ihre Zivilcourage zum Ausdruck gebracht.

Es gäbe zahlreiche persönliche Dankes- Schreiben aus allen Landesteilen, von Menschen, die ich gar nicht kenne, sagt W.G.

Auch sind Initiativen gestartet worden, welche konkret helfen sollen, die etwaigen Kosten für ein mögliches Gerichtsverfahren aufzufangen: In der Bar von Kathrin Niederbacher, an der Tankstelle in Percha werden für die Angeklagten Spenden entgegengenommen.

„Ein Herr aus Kaltern, hat ein Spendenkonto für uns eingerichtet, weil er auch der Auffassung ist, dass die ganze Geschichte mit Rassismus nichts zu tun hat. Das ist für mich der wichtigste Punkt“, erklärt W.G. Er habe sogar ausländische Kollegen, mit denen er bestens auskomme. „Mit Ausländer habe ich noch nie in meinem Leben ein Problem gehabt“.Das Gespräch von UT24 mit W.G. und V.O. endet mit einer Bitte der beiden an jene Personen, welche sich mit einem solchen Fall konfrontiert sehen: Sie sollten die Handys stecken lassen, ein wenig Zivilcourage zeigen und gemeinsam helfen. „Wer weiß, was passiert wäre, hätten wir diese nicht aufgebracht“.

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