Bahamas Editorial 80

Berlin ist eine nette Stadt, alle Leute reden offen und freundlich miteinander, und eigentlich gibt es keine Standesunterschiede. Die PIN-AG zum Beispiel wirbt seit Monaten auf großformatigen Plakaten mit einem netten Kerl, der superlange Koteletten und prima Tattoos auf den Armen hat, und eine echt stylishe Brille trägt. Das gleicht die doofe grüne Jacke und das hässliche Fahrrad ein wenig aus. Er bringt jubelnden Start-up-Selbständigen den rettenden Brief, auf dem „fetter Auftrag“ steht, ins winzige Büro; der befreit lachende Straßenmusiker am U-Bahn-Eingang bekommt seinen „ersten Plattenvertrag“ von ihm ausgehändigt und die verzückt dreinblickende alleinerziehende Mutter mit einem Stall voll Kinder ihren „Kita-Platz“. Ein Schwätzchen mit dem unterbezahlten Engel in grün, der sonst immer die „Aufforderung zur Mitwirkung“ vom Jobcenter dabei hat, dürfte da schon dazugehören, denn Berlin ist eine echt nette Stadt.

Manchmal kommt es ein bisschen anders, zum Beispiel dann, wenn wie Ende Oktober 2018 geschehen, der israelsolidarische Pizza-Bote klingelt und den Kunden wegen eines Attributs in dessen Kreuzberger Wohnung in ein richtiges Gespräch verwickelt. Dann nämlich kann es passieren, dass der, den die Gewerkschaften richtig als Scheinselbständigen bezeichnen, tags darauf Post von seinem „Auftraggeber“ bekommt, der ans Arbeitsrecht nicht gebunden ist: „Hallo A, möchtest du Stellung zu den Rassismus-Vorwürfen beziehen? Gestern Abend hast du eine Lieferung von Olivio an einen britischen Kunden geliefert, der nun behauptet, dass du dich in Bezug auf eine EU-Flagge, die in der Wohnung hing, aggressiv nationalistisch geäußert hast. Der Partner des Kunden ist Aktivist und teilt die Geschichte gerade über Twitter mit seiner weltweit vernetzten Anhängerschaft. Unabhängig davon, was du gesagt hast, ist es inakzeptabel, mit Kunden so zu reden. Du bekommst von mir gerne die Möglichkeit, mit Antwort auf diese E-Mail Stellung zu beziehen. Bis dahin muss ich deinen Account sperren. Wir werden die Kooperation beenden, wenn sich die Anschuldigungen auch nur im Ansatz als zutreffend erweisen. Beste Grüße, Team Deliveroo“.

Die Stellungnahme: „Hallo, das ist nicht richtig. Ich habe den Kunden gefragt, ob er aus UK ist, was er bejahte, und bezüglich seiner EU-Flagge geäußert, dass ich den Brexit ganz gut finde. Darauf sagte er, er nicht, worauf ich erwiderte, er hätte diesbezüglich wohl mehr Expertise als ich, ich fände es jedoch konsequent. Das ist alles. Ich habe mich freundlich verhalten und war in keinster Weise gegenüber dem Kunden aggressiv. Ich bitte Dich, nicht gleich meinen Account zu sperren, ich zahle seit 1.10. die doppelte Miete, da meine Ex-Freundin ausgezogen ist. Ich würde in ernsthafte existenzielle Schwierigkeiten geraten bei Verlust der Kooperation, da ich über keine Rücklagen verfüge.“

Das hat ihm nichts genützt; der Vertrag wurde noch am gleichen Tag natürlich fristlos gekündigt. Was zählt, ist das: „The @Deliveroo delivery guy went on an aggressive nationalist rant when he saw the EU flag in our hallway. We are gay immigrants who live in Berlin. Deliveroo: please don’t send Nazis to our door.“ Und das: „He also questioned where we’re from when he heard we aren’t native Germans. It was clearly designed to intimidate us.“ Und natürlich das: „I never considered how dangerous it can be that they send unvetted staff right to peoples homes who then know where they live.“

Das stammt nicht vom Empfänger der Pizzas selber, sondern von seinem gar nicht dabei gewesenen Mitbewohner Redfern Jon Barrett (36), der stolz darauf ist, ein Aktivist zu sein, und mit seiner „weltweit vernetzten Anhängerschaft“ renommiert, also schon deshalb sofort erkannt hat, dass sich hier die wohlfeile Gelegenheit bot, einen Nazi publikumswirksam unschädlich zu machen. Barrett hat im Jahr 2010 eine Abschlussarbeit über „queere Freundschaft unter Verwendung von queer theory“ geschrieben, 2016 durfte er an der Berkeley-Universität an einer Konferenz über die Zukunft von Monogamie und Nicht-Monogamie teilnehmen, und er gehörte zu denen, die 2015 als Entristen in der Labour-Partei Jeremy Corbyn aufs Schild gehoben haben. Er firmiert als Schriftsteller von Büchern, die sich nicht verkaufen, weshalb er sich die Finger wundschreibt, um im Netz trotzdem unter die Schriftsteller gezählt zu werden. Barretts Aktivismus besteht in der Propagierung seines schrecklichen Privatlebens als unbedingt zu achtender Lebensentwurf. Seine verschiedenen Sexkameraden, mit denen er keine exklusiven Liebesbeziehungen unterhalten, die er aber auch nicht als One-Night-Stands abtun kann, sondern in eine „Familie“ integriert sehen will, sind ihm Ausweis seines am Ende sogar gefährdeten Lebens als Polyamorie-Aktivist.

Ein ganz normaler Berliner also: langweilig wie Rainer Langhans, wichtigtuerisch wie der „unangepasste“ Jude Armin Langer, opportunistisch wie der Faschismus-Experte Matheus Hagedorny, links wie der emeritierte Professor Alfons Söllner, der gerade per Vorrede der Herausgeber vor einem neuen Nationalismus warnt, und damit die von ihm besorgte Neuauflage von Franz Neumanns Behemoth verunreinigt hat, feige wie der ganze LGBT-Verein, kreativ wie jede Schaubühne gegen Rassismus und paranoid wie Veronika Kracher. Das sind die Leute, die immer so nett Hallo sagen zum PIN- oder Pizzaboten, die sie, je bedürftiger sie selber sind, umso jovialer verachten und bestimmt nicht mit einem Trinkgeld belohnen. Sie leben in den angesagten Bezirken von Shit-Hole-Berlin oder der Gangster- und Mörder-Metropole London, in der ein islamischer Bürgermeister von der Labour-Partei racial profiling verbietet, damit alles so weiter geht. Sie sind echte Start-ups und eröffnen die immer gleichen veganen Cafés im ehemals jüdischen Viertel von Budapest, und sie verwandeln die Lissaboner Altstadt oder die Genuas natürlich an den Finanzbehörden vorbei in illegale Airbnb-Bezirke. Sie sagen den anderen politisch korrekten Abgreifern genauso wie denen, die abgegriffen werden und dazu das bescheidene PIN-AG-Gesicht machen, immer ganz nett Hallo.

Sie sind es nicht gewohnt, dass einer in Corbyn und nicht in Trump den Antisemiten erkennt. Als selbstverständlich rassistisch bedrohte Ausländer fühlen sie sich pudelwohl im weltweit erfolgreichsten Abgreiferparadies, der Bunderepublik Deutschland, und schwärzen jeden die Gemeinschaft schädigenden Störer ohne Geld und Lobby beim zuständigen globalisierten Arbeitgeber oder beim Awareness-Team von Facebook an. Sie sind dann traurig und betroffen, wenns einmal nicht so klappt, und aggressiv weltoffen beim Wegbeißen von Abweichlern oder Konkurrenten, wenn sie sich sicher fühlen. Barrett ist gerade wegen der für ihn weniger angenehmen Publicity, die seine Denunziation eines Pizzaboten z.B. im Blog ruhrbarone vom 5.11.2018 bekommen hat, etwas verunsichert, vulgo traurig und betroffen, und hat Außenstehenden den Zugang zu seinem Twitter-Account versperrt. Man weiß ja nie, wann die Pizzaboten, die seine Adresse kennen, mit Baseballschlägern in seine Wohnung einfallen.

Die Redfern Jon Barretts aus Kreuzberg und anderswo halten es nicht mit Israel; wer auf Corbyn steht und dazu ostentativ mit der EU-Fahne wedelt, will Boycott, Divestment and Sanction gegen Israel. Wer nun aber meint, Freunde Israels gingen nicht nur einem auch in Kreuzberg wohlgelittenen Hobby nach, wie dem der Polyamorie, sondern würden den autoritären next-table-bullies aus der angesagten Kiezkneipe die Meinung sagen, der täuscht sich gewaltig. Der auf Facebook recht umtriebige Pizzabote, der zum Glück wieder einen neuen Job hat und wegen etwas Fundraising von Leuten, die der Redaktion Bahamas nahestehen, seine Miete bezahlen konnte, musste nämlich erfahren, dass Israelsolidarität nicht Ausdruck einer kritischen Einsicht, sondern ein Neuköllner Verein ist, der den gleichen strengen Beitrittskriterien unterliegt wie Barretts Kreuzberger, Londoner, Budapester etc. Familie. Er ist nämlich wenige Tage vor seinem Rausschmiss bei Deliveroo schon einmal unangenehm aufgefallen, als er auf Facebook die problematische Frage stellte: „Mich würde einmal interessieren, was eigentlich teurer ist. Das neoliberale Parteiprogramm der AfD oder die vom Steuerzahler mitfanzierte Zuwanderung in die Sozialsysteme.“ Was machen Leute daraus, die z.B. einem so elend bezahlten Journalistenberuf nachgehen, dass sie vom Finanzamt steuerlich nicht veranschlagt werden? Sie stimmen, statt das Post ihres Facebook-Freunds dort zu kritisieren, wo es sich der Autor zu leicht gemacht hat, in den Hilferuf an den gerechten Globalisten von Deliveroo mit ein und fordern mit Redfern Jon Barrett dazu auf: „Please don’t send nazis to our door“. Die Tür könnte ja auch die zur Gemeinschaft der linken, antinationalen FB-Freunde für Israel und gegen Islamophobie sein, und die hat geschlossen zu bleiben – von subalternen Gestalten ausgehende Irritationen sind ausdrücklich unerwünscht. Denn das erschien nur Stunden nach der Erklärung des Pizzaboten über seinen Rauswurf bei Deliveroo auf Facebook: „Of whom it may concern: Wer sich in Posts als ‚Steuerzahler‘ über ‚die Einwanderung in die Sozialsysteme‘ beschwert, soll nicht jammern, wenn er wegen seiner Brexit-Klugscheißerei von Deliveroo-Kunden angeschwärzt wird. Kein Mitleid für Trottel.“

Das betrifft die Redaktion Bahamas. Leute, die Schluss mit dem Jammern von gerade Freigesetzten fordern, die den, der sich ihrer Weltsicht verweigert, bei ihrer „Familie“ anschwärzen, zu der er bis gestern noch gehören durfte, denen es ein Vergnügen ist, dass „Trotteln“ die ökonomische Basis unter den Füßen weggezogen wird, und sie dadurch zur Einwanderung in die sozialen Systeme gezwungen werden – solche stets freundlichen Unmenschen bekämpfen wir ganz ausdrücklich.

Wir wollen, um das zu verdeutlichen, einmal eine Frage an unsere Leser richten: „Würden Sie diesen Aussagen zustimmen? ‚Unruhestifter sollten deutlich zu spüren bekommen, dass sie in der Gesellschaft unerwünscht sind‘, ‚Menschen sollten wichtige Entscheidungen in der Gesellschaft Führungspersonen überlassen‘, ‚bewährte Verhaltensweisen sollten nicht infrage gestellt werden‘. Wenn ja oder zumindest teilweise, gehören Sie einer Studie der Universität Leipzig zufolge zur Mehrheit der Menschen in Deutschland. Und haben womöglich autoritäre Charakterzüge – zumindest, wenn man den Kriterien der Autoren folgt. […] Immerhin etwa 40 Prozent der Befragten zeigen den Ergebnissen zufolge die Bereitschaft, ein autoritäres System zu unterstützen. Menschen mit autoritärem Charakter neigen demnach zu ‚rigiden Ideologien, die es gestatten, sich gleichzeitig einer Autorität zu unterwerfen, an ihrer Macht teilzuhaben und die Abwertung Anderer im Namen dieser Ordnung zu fordern.’“ (Zeit, 7.11.18).

Würden Sie, liebe Bahamas-Leser, bei sich selbst oder ihrer Ingroup Führungsqualitäten erkennen, wie jene linken Freunde Israels es tun, die neben einigen Ca-ira-Büchern 1000 ganz legale Steuertricks im Regal haben? Wir hoffen nicht. Rigide Ideologien, die es gestatten, sich gleichzeitig einer Autorität zu unterwerfen, an ihrer Macht teilzuhaben und die Abwertung Anderer im Namen dieser Ordnung zu fordern, sind, anders als Leipziger Akademiker es behaupten, nicht in erster Linie bei Pegida oder der AfD anzutreffen. Sie sind vielmehr vor allem dort zu Hause, wo man sich in Berlin, London etc. mit einem Anderen, der noch nicht einmal der eigenen Polyamorie-Familie angehört, ein Zimmer teilen muss, das von einem voll netten Goldgräber an der Steuer vorbei zum Wucherpreis an die beiden untervermietet wurde. Man sieht sie in einem dunklen Laden, der sich „Never work alone“ schimpft und mit dem Logo „Your landlord hates you“ im Schaufenster wirbt, neben 30 anderen gegen Platzmiete ihre Laptops auf einem Tapeziertisch aufklappen, um aus lauter Aktivismus ein Start-up-Projekt nach dem anderen zu konzipieren und dabei wie der Klassenstreber bei der Prüfung besorgt darauf achten, dass der Nachbar, dem man immer so nett Hallo zuruft und zugleich unauffällig über seine Connections auszuhorchen versucht, nicht abschreibt.

Jammern ist nicht erlaubt – soweit es sich nicht in schaustellerischer Attitüde gegen die überall drohenden Nazis richtet – und Mitleid schon gar nicht, denn wer es vielleicht nötig hat, wird vorab wegen eigener Verfehlungen an der Gemeinschaft als Trottel gebrandmarkt, der es nicht anders verdient hat. Diese Ordnung gilt es zu bekämpfen, nicht nur bei Deliveroo und nicht nur in der türkischen Parallel-Ökonomie, wo ebenfalls Steuern und Sozialabgaben hinterzogen werden und der erkrankte oder als schwul geoutete türkische Kollege wegen Nichterscheinens am Arbeitsplatz bzw. artfremder Neigungen subito vor die Tür gesetzt wird. Zunächst wäre die hirnverheerende Gesinnung von Gemeinschaftssubjekten anzugreifen, die mal postmodern und links, mal landsmannschaftlich und islamisch der Diktatur der Freundlichkeit in der asozialen Hoffnung huldigen, sie dürften irgendwann einmal genauso asozial handeln wie ihre Ausbeuter von heute, die sie bewundern. Das wäre der Kampfauftrag und ganz am Rande auch eine Auskunft darüber, wie es diese Zeitschrift mit der sozialen Frage hält.

http://redaktion-bahamas.org/editorial/2018/nr-80/

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