Der Westen liegt im Abendland — Über die Grenzen von Religionsfreiheit und Religionskritik

NO PASARÁN! - Bahamas Nr. 79

Es mag einmal vernünftige Einwände gegen den Begriff des christlich-jüdischen Abendlandes gegeben haben. Zum einen unterstellt „christlich-jüdisch“ eine historische Harmonie, welche die Geschichte des christlichen Antijudaismus eskamotiert. Weshalb sich noch heute gewitzte Polemiker darin gefallen, darauf hinzuweisen, dass der Bindestrich im Grunde als Minus-Zeichen zu lesen sei (also christlich minus jüdisch). Zum anderen trage die Wendung vom Abendland der die bürgerliche Gesellschaft auszeichnenden Säkularisierung nicht angemessen Rechnung, könne „christliches Dominanzgebaren“ für bürgerliche Konfessionslose und Weihnachtsbaum-Christen nicht identitätsstiftend sein. Dagegen hatte der Begriff des „Westens“ den Vorteil, stärker auf Liberalismus und das amerikanische Streben nach individuellem Glück abzuheben, mithin den Einspruch gegen Antisemitismus und religiösen wie sonstigen Kollektivismus mitzutransportieren, weshalb er sich auch unter Ideologiekritikern einiger Beliebtheit erfreute.

Inzwischen ist „Westen“ jedoch zu einer Chiffre für das verkommen, worin sich die nachbürgerliche Gesellschaft am fortschrittlichsten und liberalsten wähnt, und worin sie zudem glaubt, die richtigen Lehren aus Auschwitz zu ziehen: Antirassismus und Religionsfreiheit. Das führt in die eigentlich paradoxe Situation, dass sich die antibürgerliche Islamisierung westeuropäischer Gesellschaften unter dem Deckmantel der Verteidigung von Bürgerlichkeit vollzieht, weshalb selbst dort, wo diese Entwicklung nicht begrüßt, sondern abgelehnt wird, so etwas wie ein paralysierter Fatalismus vorherrscht, der sich in selbstquälerischen Phrasen ausdrückt, wie etwa der, welchen Sinn eine konsequente Bekämpfung des Islam überhaupt hätte, wenn man dazu Freiheitsrechte beschneiden, sich also um die eigene westliche und liberale Identität bringen müsste…

In Wirklichkeit gäbe es im Verhältnis zwischen praktischer Islamkritik und konsequenter Verteidigung von Bürgerlichkeit historisch wie logisch nichts Widersprüchliches, wenn man sich des dezidiert abendländischen Charakters des Bürgerlichen endlich (wieder?) bewusst würde. Heutzutage hat marxistische Ideologiekritik daher die Aufgabe, der konservativen Kampfansage gegen den Islam, deren Vertreter sich im Unterschied zum linken Lager als prinzipiell ansprechbar erweisen, auf die Sprünge zu helfen.

In Söders Rede von den vom Kreuz symbolisierten „Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung“ hallt nämlich nur noch schwach nach, wovon der Abendlandmythos des Nachkriegskonservatismus seinerzeit eine vergleichsweise klare Vorstellung hatte. Theodor Heuss etwa erklärte 1950: „Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und man darf alle drei, man muss sie als Einheit sehen.“ (3) Söder hätte sich auch – wesentlich aktueller – auf die Ansprache von Papst Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag am 22. September 2011 berufen können. Da sagte Ratzinger: „Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas.“ (4)

Zwar gehören zu jedem Mythos Verklärung und Idealisierung, die der Selbstaufklärung bedürfen. In diesem Fall scheint es jedoch eher so zu sein, dass der Zusammenhang von Bürgerlichkeit und Judentum beziehungsweise Christentum realhistorisch und begrifflich noch viel zwingender ist, als es den meisten Konservativen und sich selbst treuen Christen je bewusst war. Es gibt nämlich tatsächlich so etwas wie ein transhistorisches „kulturelles Dispositiv“ des Okzidents, dessen konkrete Bestimmungen insbesondere in Abgrenzung vom (islamischen) Orient deutlich hervortreten. Das betrifft vor allem (sowohl für sich als auch in wechselseitiger Verschränkung) die Sphäre des Rechts und die Sphäre der Triebregulation als zivilisierende Entrohung des Geschlechterverhältnisses.

Kurz gesagt, kennt die Scharia weder das Ideal von Rechtssicherheit und vermitteltem Gewaltmonopol noch das Konzept passiver Individualrechte (5) – womit im Grunde Islam und ein emphatischer Begriff des Rechts einander kategorisch ausschließen. Sexualpolitisch nimmt der Islam für männliche Triebversagung (Sublimierung kennt er nicht) nicht etwa wie das Abendland – Stichworte: Odysseus-Mythos und Bergpredigt – die Männer, sondern die Frauen in die Pflicht, deren übersexualisierende Desexualisierung daraus resultiert, dem Ehemann als Objekt der Triebabfuhr zu dienen und für alle anderen Männer sexuell unsichtbar zu sein. Islamische Rechtsfeindschaft und Sexualitätsdispositiv verdichten sich im Kopftuch als zugleich Herrschaftsmittel, das sich in die Frauenkörper einschreibt, und doppeltes Symbol: Zeichen des phallozentrisch-patriarchalen Geschlechterverhältnisses selbst und der islamisierenden Landnahme des öffentlichen Raumes, aggressive Kampfansage an alle noch unverschleierten Frauen und sichtbare Etablierung von Gegensouveränität.

Es ist performativ widersinnig und daher zum Scheitern verurteilt, Mädchen und Jungen autochthoner wie migrantischer Herkunft zu modernen Bürgerinnen und Bürgern in einem Raum erziehen zu wollen, in dem die Verhüllung von Mädchen geduldet wird. Eine solche Duldung ist nicht staatliche Neutralität, sondern ihr Gegenteil: die Parteinahme gegen jene Mädchen und der Verrat ihrer Bürgerrechte, somit bürgerliche Selbstdemontage.

Judaisierung ist Zivilisierung

Historisch betrachtet sind die Herausbildung einer bürgerlichen Gesellschaftssphäre und die Entstehung des philosophischen Monismus sowie jüdischen Monotheismus in der griechischen Antike des 5. Jahrhunderts vor Chr. Phänomene, deren gleichzeitiges Erscheinen alles andere als kontingent ist. Vieles spricht dafür, dass Letzteres seinen materiellen Grund in Ersterem hat. (6) Die Erfahrung des geldvermittelten Warentauschs – dass also alle einzelnen Warendinge, welche die Menschen zu Schöpfern haben, über ein Prinzip, ein Eines, sei es Gold, Silber oder Münzgeld, reguliert werden und zirkulieren – mag die Frage nahegelegt haben, ob nicht gewissermaßen analog auch alle Naturdinge inklusive des Menschen auf ein Prinzip rückführbar sind, dem sie Existenz und inneren Zusammenhang verdanken. Inmitten einer Welt polytheistischer Mythen kommt Aristoteles so – rein geistesgeschichtlich betrachtet – plötzlich und unvermittelt philosophisch auf den einen selbst unbewegten Beweger alles Seienden und kommen die Juden religiös auf den einen Schöpfergott. Noch die spätere christliche Trinität ist keine Aufweichung des oder Verstoß gegen den Monotheismus, sondern dürfte gerade in ihrer Rätselhaftigkeit und Mystik adäquater und plausibler Ausdruck der geahnten, aber unbegriffenen Dreiheit in der Konstitution des Tauschwerts (also Gott) sein: 1. Wertabstraktion (= Heiliger Geist), 2. Tauschrecht setzende und hoheitliche Kontrolle über die Geldware ausübende Souveränität (= Vater) und 3. die Münze selbst als sinnlich gewordene Abstraktion (= fleischgewordener Sohn, sinnlich-übersinnliches Ding).

Soweit der geldvermittelte Äquivalententausch – die Vergleichung des Ungleichen – nicht nur indirekt den Erfahrungshintergrund Aristotelischer Überlegungen gibt, sondern als solcher den Gegenstand der Analyse bildet, reflektiert Aristoteles auf die notwendige rechtliche Gleichheit der Tauschenden als Tauschende, also eine Gleichheit, die als Absehung vom gesellschaftlichen Rang der Personen zugleich aber auf den Tauschakt selbst beschränkt bleibt. Demgegenüber bildet das Judentum eine die unmittelbare Realität des Äquivalententauschs transzendierende Idee heraus. So wie das Geld (als Geldware oder Münze) im auswärtigen Handel im Grunde ein universales Prinzip der „Völkerverständigung“ – im Unterschied zum Raubkrieg – darstellt, fungiert der jüdische monotheistisch gedachte Gott eben nicht mehr als partikularer Stammesgott der Juden, sondern als Gott aller Menschen, vor dem und dessen Gesetz alle Menschen prinzipiell gleich sind, gleichbedeutend mit der Idee einer ungeteilten Menschheit und der Gottesebenbildlichkeit jedes einzelnen Menschen, dessen Leben darum heilig ist. So verweisen eben auch Gesetz, Bund, Vertragswerk – vermittelt über den Auszug der Hebräer aus Ägypten – immer auch auf einen grundsätzlichen Einspruch gegen die Institution der Sklaverei, ja der Herrschaft des Menschen über den Menschen überhaupt.

Unabhängig von den konkreten Inhalten des jüdischen Gesetzes, das in wesentlichen Fragen spätere bürgerliche Rechtsgrundsätze der Moderne vorwegnimmt, ist das Verhältnis zu Souveränität, Recht und Ordnung in eine Theorie des Messianischen eingelassen, wodurch es affirmativ und kritisch zugleich ist. Das Gesetz ist einerseits als solches und in seinen Inhalten Ausdruck des unversöhnten Standes der Menschheit (mit sich selbst, Gott und der Natur) und garantiert, quasi als Kompromiss, das bestmögliche Leben eingedenk eben jener allgemeinen Unversöhntheit. Im versöhnten Stand dagegen wäre das Gesetz als verwirklichtes, seinem Geist nach von den Menschen verinnerlichtes, als äußeres und buchstäbliches überflüssig beziehungsweise aufgehoben.

Nach diesem Muster übrigens denkt Marx die durch einen revolutionären Akt herzustellende Übergangsgesellschaft zwischen Kapitalismus und Kommunismus, in der unter neuen Eigentumsverhältnissen, also auf der Basis vergesellschafteter Produktionsmittel die bürgerliche Rechtsform zunächst genauso fortexistiert, wie die Produkte vermittels des geldähnlichen Arbeitsgeldes distribuiert werden – bis Rechts-, Waren- und Geldform vollends überflüssig geworden sind.

Während das frühe Ur-Christentum mit dem ersten Erscheinen Jesu die messianische Zeit für gekommen hielt und darum Heiden missionierte und das jüdische Gesetz in seiner sakramentalen Einheit aufgeweicht weil für bereits verwirklicht erklärt hatte, blieb dem späteren, gesellschaftlich siegreichen Christentum angesichts der Parusieverzögerung – also: des offensichtlichen Ausbleibens des zweiten Erscheinens Jesu – und damit der doch nicht vollkommen erlösten Welt nichts anderes übrig, als das Gesetz in Form des Kirchenrechts wieder aufzurichten, das historisch vermittelt nun einen Synkretismus aus jüdischem und republikanisch-römischem Recht darstellt. Rein theologisch mag es einen, sich dann in antijüdisches Ressentiment übersetzenden, Minderwertigkeitskomplex gegenüber der Ursprungsreligion begünstigen, aufs zweite Erscheinen des Messias zu warten, statt wie das religiöse Original aufs Erste – und damit die Bedeutung des Kreuzestodes abzuschwächen, gar in der Rechtsnotwendigkeit zu profanisieren. Menschheitshistorisch ist es aber diese theologische Konstruktion, die den Irrtum der Naherwartung des Heils kompensiert, mit der das Christentum zunächst die griechischen und römischen Heiden, dann die europäischen Barbaren judaisierte, d.h. zivilisierte, woraus ein Ressentimentfreiheit ermöglichendes christliches Selbstbewusstsein gegenüber den Juden hätte gezogen werden können.

http://redaktion-bahamas.org/artikel/2018/79-der-westen-liegt-im-abendland/

Dieser Beitrag wurde unter Antisemitismus Antizionismus, Öko Bio, Deutschland Nazis, Dhimmi Medien Schweinepresse, Ehrenmorde Islam Muslime, Kirche, Kunst Kultur, SPD Sozialfaschisten, Türkei Völkermord Armenier, Wissenschaft Forschung abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.