Editorial 75

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Mit aller Wut, mit geballter Faust gar, reagierten wahrscheinlich Millionen Franzosen und andere Europäer auf die Schreckensnachricht von Nizza im Juli 2016. Was hätte man auch anderes tun können angesichts 83 Toter, die aufs Konto einer Religion gingen, deren angeblich friedliche europäische Vertreter die Lehren des Dschihad offen und ungehindert verbreiten? Wo Wut auf den Verursacher die einzige nachvollziehbare erste Reaktion auf das Massaker sein kann, ohne die das Anzünden von Friedhofslichtern am Tatort eine noch nicht einmal fromme Lüge wäre, muss der zweite Schritt wenigstens auf symbolischer Ebene ein Zeichen des Widerstands sein.

In einigen konservativen französischen und britischen Zeitungen war ein Hauch von dieser Wut zu verspüren, in den liberalen und linksliberalen Zeitungen der westlichen Nationen dagegen wenig, in deutschen Zeitungen nichts. Lediglich die offizielle Trauerkundgebung mit dem Staatspräsidenten vorne dran nahm wie gewunden auch immer den Gedanken des gebotenen Widerstands aller Franzosen gegen einen allerdings nicht näher spezifizierten Terror auf. Deutsche Journalisten behelfen sich immer dann, wenn der Islam mordet – also auch im Juli 2016 –, in ihren vor-Ort-Berichten mit den Friedhofslichtern aus dem Setzkasten der Betroffenheit, ergänzt um die obligatorischen Abstecher in die moslemisch geprägte Vorstadt, um O-Töne aus der sich vor Pogromen fürchtenden Gegengesellschaft zu sammeln. Wut kam erst auf, als es einige Tage lang so aussah, als ob das vom Terror geplagte Frankreich wirklich etwas unternehmen würde: Die Stadt Nizza hat im August 2016, anderen Badeorten folgend, aber offensichtlich in Reaktion auf das Massaker, das Tragen von Burkinis genannten Bade-Burkas an ihren Stränden verboten. Spiegel online, ein alldeutscher Lautsprecher, konnte sich am 20.8.2016 einen eigenen Kommentar sparen. Die mit geballter Faust platzierte Übersetzung des journalistisch korrekten Wutausbruchs einer New Yorker Feministin und wahren Spezialistin für das Empowerment von Faschistinnen of colour reichte völlig: „Auch in der renommierten New York Times wird das Burkiniverbot als unlogisch bewertet, weil es Regeln für Frauen vorschreibt, die eigentlich von Regeln befreit werden sollen. Bei dem Verbot gehe es um mehr als um Religion oder Kleidung, schreibt Amanda Taub. Es gehe bei den Verboten darum, ,die nichtmuslimische französische Mehrheit davor zu schützen, sich mit der verändernden Welt auseinanderzusetzen.’“

Williger Vollstrecker einer sich verändernden Welt ist seit Jahrzehnten schon der Antifa-Referent des Berliner Tagesspiegel Frank Jansen, der wenige Stunden nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz unter dem Titel „Wer jetzt Hass schürt, macht sich zum Komplizen der Terroristen“ (20.12.2016) die deutsche Marschrichtung im Umgang mit Wut und geballten Fäusten vorgab. Wie aus dem Schlaf sprach es aus ihm heraus, als er mit nur wenigen Sätzen 1. die moslemische Handschrift des noch unbekannten Täters bezweifelte, 2. jene Mehrheit der Berliner, die Wut gespürt hatten, als Faschisten verdächtigte und 3. alle, die gereizt auf einen Journalismus reagierten, der das Offenkundige um des Friedens willen zu leugnen versucht hatte, als brothers in crime mit Dschihadisten auf die gleiche Stufe stellte und damit für mitschuldig am Tod von zwölf Menschen erklärte. Diese bislang ungekannte Verhöhnung von Opfern islamischer Gewalt, die allesamt Angehörige der europäischen und in einem Fall der israelischen nichtmuslimischen Mehrheit ihrer Herkunftsländer waren, diese an Zynismus nicht zu überbietende Weihnachtsbotschaft vom Team Merkel verdient es, als Mahnmal der Schande von Frank Jansen und mit ihm der Schande einer Republik festgehalten zu werden, deren besonnene Mitte den Antifaschismus, seit er oberstes Regierungsziel ist, zur Verharmlosung des aktuell wütenden Faschismus einer sich verändernden Welt missbraucht.

„Berlin steht unter Schock. Zwölf Menschen sind tot. Knapp 50 haben Verletzungen erlitten, hoffentlich stirbt kein weiteres Opfer. Was gestern Abend auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche geschah, ist ein Realität gewordener Alptraum. Ein schwerer Lkw rast in eine Menschenmenge, die sich an den Holzhäuschen bei Glühwein und gebrannten Mandeln der Vorfreude auf die Feiertage hingibt. Größer könnte der Schrecken kaum sein. Auch wenn noch nicht völlig klar ist, ob es ein Anschlag war. Weihnachten wird dieses Jahr in Deutschland überschattet wie noch nie seit der Gründung der Bundesrepublik.
Die blutige Amokfahrt erinnert an den Anschlag in Nizza, bei dem im Juli mehr als 80 Menschen starben. Damals fuhr ein fanatischer Anhänger der Terrormiliz IS mit einem Truck gezielt in die auf der Promenade des Anglais flanierenden Einheimischen und Touristen. Doch auch wenn sich die grässlichen Bilder aus Nizza und Berlin gleichen, sollten Behörden, Politik und Medien gleichermaßen das Massaker auf dem Weihnachtsmarkt erst dann als Terrorismus bezeichnen, wenn die Erkenntnisse über Tat und Täter eindeutig sind. Das ist bislang noch nicht der Fall. Dass Medien, die ihre Zweifel nicht verstecken, in den sozialen Netzwerken angepöbelt werden und rassistisch gefärbter Hass hochkocht, verstärkt noch die beklemmende Wirkung der Bilder vom Weihnachtsmarkt. […] Sie wollen ja, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt bei den verteufelten ‚Ungläubigen‘ im Westen zerbricht. Sie wollen ja, dass Muslime attackiert werden und Brandflaschen auf Moscheen fliegen. Der ‚Islamische Staat‘ und Al Qaida hoffen inständig, maßlose Wut im Westen werde Muslime so empören und ängstigen, dass sie sich dem Dschihad zuwenden. Rassisten und Dschihadisten gehen Hand in Hand. Klammheimlich freuen sich beide über jedes Verbrechen, das ihnen neue, wutblinde Anhänger zutreibt. Berlin und die Bundesrepublik erleben dunkle Stunden. Am Ende eines Jahres, das dem Land schon viel zugemutet hat: die Anschläge in Würzburg und Ansbach, die vielen rassistischen Angriffe auf Flüchtlingsheime, der Amoklauf in München. Gerade der Amoklauf in München ist aber auch eine Mahnung, keine vorschnellen Urteile zu fällen. Stundenlang gingen Polizei und Politik davon aus, Terroristen schössen um sich. Am Tag danach wurde klar, dass der Täter kein Dschihadist war. Und München staunte über sich selbst, über die spontane Solidarität vieler Menschen, die sich in der Schreckensnacht gegenseitig geholfen hatten und selbst Fremden eine Übernachtung anboten. Das ist der Geist der souveränen, besonnenen Demokratie. Das ist es, was Berlin jetzt braucht. Und wie damals München nun auch die Kraft, den Schmerz auszuhalten und die Trauer um die Opfer. Weihnachten ist, so kitschig es auch klingt, das Fest der Liebe. Nicht der geballten Faust.“
(Hervorhebung: Red.)

Berlin hatte auszuhalten – zwei Tage nach dem Anschlag, als die Opfer noch nicht identifiziert waren: einen peinlichen Gottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche mit Regierendem Bürgermeister und nebst anderen Religionsvertretern ausgerechnet einem Imam, und eine Nacht lang das schwarz-rot-gold angestrahlte Brandenburger Tor. Das war’s. Ein Staatsakt unterblieb und zu allem Elend wurde um die Identität der sieben deutschen Opfer ein Geheimnis gemacht – es hätten ja wegen der kaum zu bändigenden unmäßigen Wut im Westen Brandflaschen auf Moscheen fliegen können. Die schwerpädagogischen Einschüchterungen durch Unmenschen, wie der Frank Jansen einer ist, hätten aufgehen können, wären da nicht beunruhigende Meldungen aus dem Ausland gekommen, wo man einen anderen Umgang mit dem Angedenken ermordeter Landsleute pflegt.

Aus Polen: „Łukasz Urban, der Lastwagenfahrer, der bei dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz erschossen wurde, wurde nach einem Trauergottesdienst in dem Ort Banie bei Stettin, an dem auch Staatspräsident Andrzej Duda und die Leiterin der Kanzlei von Regierungschefin Beata Szydlo, Beata Kempa, teilnahmen, beigesetzt. Fahrerkollegen gaben anschließend mit einem Lkw-Konvoi das letzte Geleit zum Friedhof. Landesweit blieben zu Beginn der Gedenkmesse hunderte Lastwagen stehen und hupten.“ (RBB, 30.12.2016)

Aus Italien: „Zur Beerdigung der bei dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin getöteten Fabrizia di Lorenzo in Sulmona in den Abruzzen kamen auch Staatspräsident Sergio Mattarella und Innenminister Marco Minniti, wie italienische Medien berichteten. Die 31-Jährige sei ‚wie ein Engel mit offenen Flügeln gewesen: Sie, die das Leben mit so vielen Idealen und Werten liebte‘, zitierte die Nachrichtenagentur Ansa die Worte des Bischofs im Gottesdienst.“ (Berliner Zeitung, 26.12.2016)

Aus Israel: „Hunderte Familienmitglieder und Freunde versammelten sich, als das einzige israelische Opfer des Berliner Terrorangriffs in Herzliya beigesetzt wurde. Herzliyas Bürgermeister Moshe Fadlon würdigte die 60-jährige Dalia als eine ‚lächelnde glückliche‘ Frau, die das Reisen liebte. ‚Dalia wurde auf deutschem Boden von einem abscheulichen und niederträchtigen Terroristen herzlos und gewissenlos ermordet. Der Terrorist entschied sich, einen Ort anzugreifen, wo Einheimische und Touristen fröhlich in Erwartung des neuen Jahres herumschlenderten, und zerstörte auf Anhieb die Welt dutzender Familien‘, sagte Fadlon.“ (Times of Israel, 23.12.2016)

Aus Tschechien: „Ihr Mann, Petr, schrieb auf Facebook: ‚Nach drei Tagen der Unsicherheit und der Zweifel muss ich in großer Trauer alle Verwandten und Freunde darüber informieren, dass meine Frau Nada Cizmar eines der Opfer des terroristischen Angriffs am Montag in Berlin wurde.‘ Cizmar war die Mutter eines fünfjährigen Jungen. Bei einem kurzen Pressetermin in Prag sagte Außenminister Lubomír Zaorálek: ‚Zum ersten Mal hat eine Tschechin bei einer Terrorattacke in Europa ihr Leben verloren, in einer Terrorattacke so nah an der Heimat. Wir tun alles, was möglich ist, um ihrem Mann in Deutschland zu helfen und ihre Familie in dieser schweren Zeit zu unterstützen. Und ich möchte der Öffentlichkeit versichern, dass wir alles in unserer Macht Liegende tun werden, um solche Feindseligkeiten auf tschechischem Territorium zu verhindern.’“ (The Guardian, 21.12.2016)
Irgendwann fiel es in Deutschland dann doch auf, dass es keine Nachrichten über die deutschen Opfer gab, bei deren Beerdigungen anscheinend keine Bischöfe, Bürgermeister, Minister oder gar der Bundespräsident zugegen waren. „Von den Berliner Toten weiß man gar nichts. Man weiß nicht, ob sie vielleicht in Mitte, Spandau oder Marzahn zu Hause waren. Nicht einmal die genaue Zahl der Berliner nennt der Senat“, monierte ausgerechnet der Tagesspiegel am 3.1.2017. „Ein weiteres offizielles Gedenken in einem würdevollen Rahmen ist nicht geplant. Hier in Berlin ist Leere.“

In einem Fall wurde die Nachrichtensperre durchbrochen: Am 23.1.2017 erschien in der Neuss-Grevenbroicher Zeitung ein Dokument des Grauens, aus dem nicht nur hervorgeht, dass eine ältere Frau, die noch nicht einmal in der Heimatzeitung einen Namen haben darf, verscharrt wurde wie früher eine Selbstmörderin. Zu erfahren war auch, dass man gelernt hat, mit den journalistischen Mitteln der Provinz in aller Brutalität den „Geist der besonnenen, souveränen Demokratie“ (Frank Jansen) gegen Wehrlose zu vollstrecken: „Mit der Familie standen nur einige Nachbarn am Grab, als am Freitag in Grefrath die Urne der 65-jährigen Frau beigesetzt wurde, die beim Terroranschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember ums Leben gekommen war. Dieser Rückhalt im persönlichen Umfeld sei für die Hinterbliebenen sehr wichtig, erklärt Rechtsanwalt Cornel Hüsch. In der dörflichen Gemeinschaft, deren fester Bestandteil die 65-Jährige war, ist der Anschlag noch immer Tagesgespräch. Aber es überwiegen die leisen Töne. ‚Das war ein Verbrecher. Punkt‘, sagt der Sprecher der Dorfgemeinschaft, der froh ist, dass nun keine pauschale Ausländerschelte im Ort betrieben wird.“ (Hervorhebungen: Red.)

Man war sich einig: Ein bisschen weinen, alle zusammen, in leisen Tönen versteht sich, darauf haben die Deutschen doch auch ein Recht, vielleicht sogar vor anderen Völkern, die sich immer so lautstark in Szene setzen. Wie das geht, weiß man am besten bei Springer: „Was dem ehemaligen Tätervolk offenbar jedoch noch immer schwerfällt, das ist die Trauer um sich selbst. Dass wir es sind, die da unermessliches Leid über die Völker gebracht und eben dadurch auch uns selbst in nie gekannter Weise beschädigt haben. Empathie für das eigene Verführtwerden und dann Ins-Verbrechen-Abrutschen ist, das weiß jeder Psychotherapeut, nur sehr schwer herzustellen. Ein später Reflex auf diese komplexe Dynamik scheint das Fremdeln mit dem Erlittenen vom 19. Dezember zu sein. In diesem Zusammenhang spielt sicher eine große Rolle, dass die Opfer – Tote und Verletzte – noch immer kein Gesicht für uns bekommen haben. Sie bleiben abstrakt. Aber nur die sinnliche Verlebendigung, das Anschauen von jungen und alten Gesichtern, die uns den Spiegel vorhalten, kann einen Prozess des Mitfühlens und also auch Mitleidens auslösen. Und damit das Gefühl, als Kollektiv verletzt worden zu sein.“ (Tilman Krause, Welt, 9.1.2017)

Wie gut, dass die Deutschen schäbig aber antifaschistisch, wie sie sind, ihre Toten von Berlin sang- und klanglos haben verschwinden lassen. Wehe, dieses Volk der Volksgenossen hätte in aller kollektiven Verletztheit sich und nicht etwa den Ermordeten und ihren Angehörigen einen Staatsakt gegen die maßlose westliche Wut und die geballte Faust der Rache ausgerichtet. Dann wäre vermutlich aus dem Munde einer Holocaustüberlebenden die Todesfuge zu hören gewesen, alternierend mit einigen besonders friedvoll intonierten Koran-Versen, während auf der großen Leinwand die jungen und alten Gesichter von Trümmerfrauen den Besuchern einen prozessierendes Mitfühlen auslösenden Spiegel vorgehalten hätten.

http://redaktion-bahamas.org/editorial/2017/nr-75/

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