Die Minarette sind unsere Bajonette! Eine Reisewarnung an alle Freunde einer zivilen türkischen Republik

Seit dem 20.1.2017 ist alles vorbei. Das türkische Parlament hat mit den Stimmen von Erdoğans AKP und der Mehrheit der Abgeordneten der nationalchauvinistischen MHP – zusammen 80 Prozent der Abgeordneten – für die Errichtung einer islamistischen Präsidialdiktatur gestimmt. Dass die für Ende Mai vorgesehene Volksabstimmung daran noch etwas ändert, ist eher unwahrscheinlich. Es wird ein dunkles Land werden: voller Gerüchte, Heimlichkeiten und Angst. Die Verlierer, vor allem die Frauen, die dem Kopftuch nichts abgewinnen können, werden sich so unsichtbar wie möglich machen, ihre Gespräche werden erfüllt sein von lauterster Harmlosigkeit, und die Annäherung zwischen den Geschlechtern wird sich noch schuldbewusster und verklemmter vollziehen als bisher schon.

Viele westliche Türken aber werden ihren Kompromiss mit den Verhältnissen machen, der ihnen gar nicht so schwerfallen wird. Zunächst haben sie sich, von Panik und Todesängsten getrieben, aber auch von dem dringenden Bedürfnis dazugehören zu wollen, stramm hinter den vom Führer verkündeten Sieg des Volkes gegen einen „verbrecherischen“ Putschversuch gestellt, um dann auf den Massenkundgebungen des geeinten Volkes verhöhnt zu werden. Dann haben nicht wenige festgestellt, dass ihre Republik und die Erdoğans in Schicksalsfragen sich so viel nicht nehmen, was ihrer Unterwerfung einen Teil des bitteren Beigeschmacks nimmt.

Zusammenstehen gegen die Rache der Ermordeten

Manche von denen, die als die nächsten Opfer des unaufhaltsamen Durchmarsches des einfachen Volkes unter seinem geliebten Führer schon feststehen, haben am Untergang einer Republik, in der es nie selbstbewusste Bürger gegeben hat, fleißig mitgewirkt. Kaum ein türkischer Sozialdemokrat oder Linker würde zugeben, dass der selbstbewusst und aggressiv Türkentum geheißene Nationalstolz, an dem sie nicht rühren wollen, auf dem Genozid an den Armeniern 1916 genauso wie den Massenmorden an vor allem Griechen in den Jahren 1920 bis 1923 aufruht. Im Gegenteil: Wenn einer die Gründungsverbrechen der Republik auch nur benennt, kommt es zum ganz großen Schulterschluss, dann gibt es keine Parteien mehr, sondern nur noch Türken. Zuletzt war es am 17.1.2017 wieder soweit: „Am fünften Tag der Marathondebatte um die Verfassungsänderungen trat Garo Paylan von der prokurdischen Partei HDP ans Rednerpult, um für eine pluralistische Demokratie zu plädieren: ‚Kollegen, zwischen 1913 bis 1923 haben wir vier Völker verloren – die Armenier, die Griechen, die Assyrer und die Juden. Sie sind aus diesem Land vertrieben worden, mit Massakern und mit einem Völkermord. Liebe Kollegen …‘ Dann musste er seine Rede wegen der vielen Unmutsbekundungen und Zwischenrufe unterbrechen. ‚In diesem Land hat es nie einen Völkermord gegeben‘, schrien Abgeordnete aus den Reihen der islamischen Regierungspartei AKP und der nationalistischen MHP ebenso wie Vertreter der kemalistischen CHP, die sich als sozialdemokratisch versteht. ‚Hören Sie auf, die Geschichte dieser Nation zu beleidigen!‘, brüllte ein Abgeordneter. Schließlich schaltete sich Sitzungspräsident Ahmet Aydin ein: ‚Kollege Paylan, bitte berichtigen Sie Ihre Worte. Es hat keinen Völkermord gegeben.‘ Beschwichtigend wandte sich Paylan abermals an das Plenum. ‚Sehen Sie mal, Kollegen, wir Armenier waren früher 40 Prozent der Bevölkerung, heute sind wir 0,1 Prozent, irgendetwas muss uns doch passiert sein!‘, beschwor er das Parlament. Aber er wurde wieder niedergebrüllt. ‚Herr Paylan, passen Sie auf, was Sie sagen‘, herrschte Parlamentsvize Aydin den Armenier an. ‚Ich habe Sie gewarnt: Sie dürfen hier nicht die Nation beleidigen.‘ Die Sitzung wurde unterbrochen. Anschließend schloss die Volksvertretung mit überwältigender Mehrheit Garo Paylan für drei Sitzungen aus dem Parlament aus. Seine Ansprache, so beschlossen die Abgeordneten, wird aus dem Parlamentsprotokoll gelöscht.“ (Tagesspiegel, 18.1.2017)

Wie Paylans nicht zu Ende gehaltene Rede aus dem Parlamentsprotokoll, so wurden ganze Bevölkerungsgruppen erst tatsächlich und dann aus dem kollektiven Gedächtnis der Türken ausgelöscht. Doch die Ermordeten, die Vertriebenen und die Geflohenen geben keine Ruhe, sondern geistern als klandestin agierende Verräter am Türkentum durchs kollektive Unbewusste, offensichtlich befähigt das zu tun, was man an ihnen vollstreckt hatte, wenn man sie nicht rechtzeitig enttarnt und unschädlich macht. Mal treten sie als misyoner auf, womit Imperialisten gemeint sind, die, von den USA und Europa unterstützt, das Christentum zu dem Zweck verbreiten, eine antitürkische christliche Irredenta auf den Weg zu bringen. Dann unterwandern sie als dönme getarnt, was eigentlich nur Konvertit bedeutet, den türkischen Staat, um jüdisch wie christlich motivierten, jedenfalls verräterischen Machenschaften nachzugehen. Es können zersetzende Armenier sein, obwohl es in der Türkei davon nur noch ein paar Tausend gibt, oder Juden, deren Zahl auf unter 20.000 geschrumpft ist. Wenn es ganz arg kommt, sind es diejenigen, die sich der nationalen Identität verweigern und zum Beispiel Weihnachten und Silvester feiern. Keineswegs nur in der Logik von Erdoğans Anhängern und den mit ihnen verbündeten Nationalchauvinisten treten die Wiedergänger der Ermordeten heute vor allem als die wirklichen oder vermeintlichen Anhänger ausgerechnet des Islamisten Fethullah Gülen auf, Gespenster zumeist, auf die alle Varianten der Feinderklärung zu passen scheinen.

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