Die neuen Deutschen kennen keine Grenze — Kritische Anmerkungen zum Antinationalismus

bahamas74

Nur auf den ersten Blick wirkt befremdlich, dass gerade die verstocktesten Revanchisten mit all ihren alten und neuen Nazis beflissene Kritiker des Nationalismus sind. Denn es war ja der Nationalsozialismus, seinem ersten Namensbestandteil zum Trotz, der die bislang wirkmächtigste postnationale Bewegung vorstellte, und das in jeder nur denkbaren Hinsicht: Nicht nur dass er sämtlichen Fortschritt, der mit dem Aufstieg der Nationalstaaten in Europa je verknüpft war – sei es die Rechtsgleichheit zwischen den Staatsbürgern, sei es die weitreichende Garantie, Tauschgeschäfte in einer pazifizierten Öffentlichkeit ohne Furcht vor unmittelbarer Gewalt und ohne Ansehen der Person abwickeln zu können – rigoros kassierte; auch waren ihm Nationen an sich gleichgültig, ja ein Dorn im Auge, inklusive der eigenen. Denn Deutsch-Sein war ihm eine biologisch-ontologische Eigenschaft und keine juristische, folglich auch nicht an Grenzen gebunden, weder an geographische noch an moralische. Die Vorstellung vom sogenannten Lebensraum sah die ganze Welt als Beute einer Horde respektive Rasse, die aus ihrer Mitte all die eliminierte, die nicht die richtige Schädelform und Abstammungsurkunde aufweisen konnten, und die kooptierte – ungeachtet von Muttersprache und Reisepass –, die diesen Kriterien besser genügten. Die hergebrachten nationalstaatlichen Grenzen und die mit ihnen verknüpften Garantien für die durch sie definierten Territorien und deren Einwohner waren dem nazistischen Behemoth bestenfalls gleichgültig, sie wurden nach Bedarf umgemodelt, Duodezländer entstanden und vergingen teilweise binnen Jahresfrist, weil sie ohnehin nichts anderes darstellten als volatile Verwaltungseinheiten einer Raub- und Vernichtungsökonomie.

Dekonstruktion des Nationalstaats

Diese bürokratische Volatilität im Umgang mit dem klassischen europäischen Nationalstaat gleicht nicht nur von Ferne dem, was sich seit mindestens zwei Jahrzehnten im Bereich der stets erweiterten Europäischen Union abgespielt hat: Deren Prozedere ist lediglich deshalb signifikant friedlicher, weil es sich auf die kriegspolitischen Resultate der, wenn man so will, ersten Europäischen Union, dem deutschen Kerneuropa des Nationalsozialismus, stützen kann. Der ökonomische Rationalisierungsvorsprung dieses Kerneuropa, sprich Deutschland plus gelegentlich wechselnden Satrapen, hat den militärischen Rationalisierungsvorsprung von einst ersetzt, oder besser: beerbt. Dass sich der herrschende common sense beziehungsweise der common sense der Herrschenden dezidiert gegen die Nation wendet, die einst fürs Kapital fraglose politische Form von Produktion und Reproduktion, hat also durchaus Tradition.

Damit haben die postmodernen Theorien, die der Nation stets vorwarfen, dass sie eine Bürokratie gewordene Obsession sei, ein verselbständigter Normalitätsdiskurs, den es zu dekonstruieren gelte, auch ganz offensichtlich eingebüßt, was zu besitzen sie schon immer nur vortäuschten: Triftigkeit. Denn zum einen haben die Wallersteins und Andersons mit der Rede von Konstruktionen und Narrativen das eigentlich zu Erklärende als Erklärung ausgegeben, also einen der ältesten theoretischen Rosstäuschertricks überhaupt benutzt; zum anderen, und das ist viel wichtiger, ist die einst auf dem Papier herbeigewünschte Dekonstruktion der Nationalstaaten nun eine europäische Realität, die das Fürchten lehrt: Die gemeinsame Währung ohne gemeinsamen Souverän unterminiert Nationalstaaten ganz praktisch und erweist ebenso praktisch, dass die Gemeinschaften – Region, Kommune, Familie –, die aus dem Zerfall des Nationalstaats gleichsam naturwüchsig entstehen beziehungsweise wiederauferstehen, in jedem Fall schlimmer, gemeiner und vor allem stärker vom Primat unmittelbarer Gewalt beherrscht sind als die Rechtsräume, die die klassischen Nationalstaaten vorstellten. Denn deren Insassen unterstanden zumindest noch als Vereinzelte einem abstrakten Gesetz und nicht dem gewohnheitsmäßigen Zwang der partikularen Überlebenskollektive als fleischgewordenes Exemplar einer Kultur, Religion oder Ethnie.

Nichts anderes als die Relegation des vormaligen Individuums an diese Kollektive haben die heutigen Staatenhüllen Südeuropas nach dem Souveränitätsverlust ihren Insassen- noch zu bieten: Der Gesellschaft droht der Rücksturz in halbagrarische DIY-Subsistenzgemeinschaften, es herrscht die absolute Suprematie von Sippe und Scholle – finanziert mit Opas Rente oder erwirtschaftet durch die Gemüsezucht auf dem Familiengrundstück, oder beides, dort, wo es auch im Lebensalltag der Menschen einstmals mehr als nur Anflüge von Individualität und Universalität gab. In Italien, Griechenland, Portugal und Spanien, aber auch bereits in Frankreich ist dieses Szenario kein Schreckbild mehr, sondern Alltag für den Teil der Bevölkerung, dem es qua Jugend und/oder Armut nicht vergönnt war, sich selbst oder zumindest Teile des Vermögens in die nordeuropäische Immobilien- und Fondswirtschaft hinüberretten zu können. Und auch im Norden gilt in der subsidiär orientierten Sozialpolitik längst der Primat der Gemeinschaft vor dem vereinzelten Bürger; ein Primat, der alle Sphären des Alltags durchdringt. Wie tief und wie selbstverständlich, davon vermittelt nicht zuletzt die als Kultur verbrämte Propaganda von Satirikern, Kabarettisten und anderen Volkspädagogen einen Eindruck: Nahtlos verbindet sich hier Bejubelung organisierter Minderheit aller Art (nur so ist zu erklären, wie im Geisteshaushalt der „anständigen Deutschen“ Islamverharmlosung und Christopher-Street-Day-Seligkeit bruchlos koexistieren können) mit maßloser Beschimpfung der einsam vor sich hin vegetierenden biodeutschen Stützeempfänger.

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