Die Toten kommen! Wie E. Steinbach und U. Jelpke zum Weltflüchtlingstag ein Zentrum für politische Schönheit eröffneten

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Einen Tag nach dem ersten zusammengelegten Vertriebenen- und Flüchtlingstag, ein Tag nach des Präsidenten Rede und pünktlich zum Erscheinen der FAS mit dem ERIKA-Motiv, zog eine 5.000 Teilnehmer starke Totengräberbrigade durch Berlin, die von sich behauptete, Flüchtlinge retten zu wollen. Mit diesem nekrophilen Umzug, der mit einem massenhaften Gräberschaufeln vor dem Reichstag endete, wurde alles, was Gauck, Carstens und selbst Zastrow daherredeten, in kongenialer Weise als öffentliche Propagandashow deutschen Wesens inszeniert und übertroffen. Die da allen Ernstes unter dem Motto „Die Toten kommen!“ durch Berlin marschiert sind, waren gewiss keine Nazis oder Ausländerfeinde. Sie haben nur den Todeskult der Nazis affirmiert und statt lebendiger Flüchtlinge tote Ausländer willkommen geheißen. Angestiftet von einer Berliner Künstlergruppe mit dem gleichermaßen auftrumpfenden wie hochironisch zurückgenommenen Namen „Zentrum für politische Schönheit“ hatten sich die Angehörigen jener Gesinnungsgemeinschaft, die als das noch bessere Deutschland die Gauck- und FAS-Gemeinde in ihrer ureigenen Disziplin übertreffen wollen, zu einem „Marsch der Entschlossenen“ zusammengefunden und selbstgebastelte Särge und reichlich Holzkreuze, auf denen Losungen gegen das europäische Grenzregime zu lesen waren, durch die Gegend getragen. Das unterschied sich vom traditionellen deutschen Protest-Sarg-Tragen eindrucksvoll schon dadurch, dass es nicht nur der eine Sarg war, auf dem das abstrakte Objekt der Trauer, das mal „Studium für alle“ mal „Meinungsfreiheit“ heißt, geschrieben steht. Am 21.6. in Berlin stand darüber hinaus jeder Pappsarg für eine echte Leiche im Mittelmeer oder auf anderen Fluchtwegen. Natürlich waren sie leer, aber dass auch echte Leichen darin sein könnten, hat der wohlig schaudernden Gemeinde die gleiche Künstlergruppe bereits am 16.6.2015 vorexerziert, als sie die von ihr in Italien exhumierten und in Zinksärgen nach Deutschland transportierten Überreste von auf der Flucht Gestorbenen unter großer Medienanteilnahme nach dem Ritual der Religion, die für die Bürgerkriege und die Elendsverwaltung maßgeblich verantwortlich ist, die immer mehr Menschen zu Flüchtlingen macht, „würdevoll“ auf dem moslemischen Teil des Friedhofs von Berlin-Gatow begraben. Ein Blick auf die im Netz verfügbaren Bilder offenbart eine von deutschen Künstlern auf den Weg gebrachte Propagandashow des Islam. Die unter die Haut gehende Atmosphäre der würdigen Begräbnisse von Gatow konnte somit am 21.6. zwar nicht mehr in Gestalt von Leichen bergenden Särgen überboten werden, wohl aber durch das Kunststück, Spontanität zu inszenieren und ein Volk von Totengräbern zu emsigem Wühlen in der Reichstagswiese zu veranlassen. Und so ging es los: „Plötzlich wurde es ruhig zwischen den Demonstranten, ein Trompeter spielt eine Trauermelodie, die Menge verstummt in einer Schweigeminute. Einzelne zünden Kerzen an. Es gibt keine Anzeichen gewalttätiger Aktionen“ (Tagesspiegel, 21.6.2015). Der kleine Trompeter, der von der Weltkrieg-Eins-Totenverherrlichung zum Rot-Front-Kämpferlied, ein wenig abgeändert auch als Horst-Wessel-Lied, dann wieder als DDR-Aufbaulied, nicht fehlen darf, wenn sich Deutsche ihrer nicht umsonst Gefallenen erinnern, dieser kleine Trompeter spielte beim „Marsch der Entschlossenen“ seine einfühlsamen Melodien, traurig, einsam und aufwühlend. Die Kerzen waren selbstverständlich sofort zur Hand, darunter auch die typischen roten Friedhofslichter in stattlicher Zahl. Man schwieg betroffen genau eine Minute lang, bevor es spontan, ausgelassen und vor allem entschlossen weiterging. „Die entschlossene Zivilgesellschaft machte sich unmittelbar nach der Ankündigung des Friedhofs an dessen Umsetzung. Entschlossene rissen die Zäune zur Bundestagswiese ein und hoben spontan hunderte Gräber in der Hauptstadt aus“ (1), schreiben die Regisseure vom Zentrum für politische Schönheit. „Die Stimmung ist fast ausgelassen“, vermerkte der Tagesspiegel, und dem Kollegen von der Zeit klang alles nach einem fröhlichen antiautoritären Familienfest: „Am Rande springt ein kleines Kind auf einem der umgeworfenen Zäune herum, und als eine Polizistin den Vater bittet, das Kind möge doch damit aufhören, guckt es sie nur an und sagt: ‚Ey, ich mag keine Cops!‘ Alles wie immer also“ (Humanistischer Pressedienst, 22.6.2015). Erwachsene Teilnehmer wussten den Spaß beim Gräberbuddeln gegenüber dem Reporter in mahnende und natürlich entschlossene Worte zu gießen: „,Ein extrem ergreifender Moment‘, sagt die Teilnehmerin Svenja Brackel. Das sei ziviler Ungehorsam, wie er sein sollte, fährt die 29-jährige Erzieherin fort: ‚Ich glaube, sogar die Polizei ist auf unserer Seite‘“ (Tagesspiegel, a. a. O.). Dass dem tatsächlich so war, zeigte sich daran, dass die gut 5.000 Teilnehmer von der Polizei größtenteils ungehindert ihren Grabungen nachgehen durften. Bis auf wenige Rabauken gingen dann alle brav bis 19h nach Hause. (Tagesspiegel, a. a. O.) Tatsächlich war der Polizei aus den Verlautbarungen des Veranstalters bekannt gewesen, dass symbolisches Gräberschaufeln Teil des Abschlussprogramms war, weshalb sie die Reichstagsweise absperrte und einige der Demonstranten nach Grabungsgerät durchsuchte. Das Zentrum für politische Schönheit berichtet: „Die Demonstranten [des ZPS] riefen die Teilnehmer daraufhin zutiefst zynisch dazu auf, weder Särge noch Holzkreuze mitzubringen, nicht kreativ zu sein, sich nicht selbst zu organisieren. Zugleich verurteilten sie die Entscheidung, die Wiese zu sperren als ‚Akt grober Staatsgewalt gegen die Kunstfreiheit‘“. (Tagesspiegel, a. a. O.) Im Ergebnis hatte sich die Kunstfreiheit gegen eine untätige Polizei durchgesetzt, deren Führung wusste, dass dergleichen Tun im Grunde Regierungslinie ist, und es waren dutzende Grabstellen mit ordentlichen Grabkreuzen samt Aufschriften wie „Grenzen töten“ oder „Frontex Mörder“, in einem Fall sogar „Deutschland wir weben dein Leichentuch“ zu bewundern, geschmückt mit Blumen und Friedhofslichtern und ergänzt um hunderte Erdlöcher.

Was da wirklich gespielt wurde und wie es dazu kam, dass jeder in seiner ihm vorab zugedachten Rolle so einwandfrei spontan funktionierte, dass aus einer Volksgemeinschaftsübung „politische Poesie“ wurde, machte die Heinrich Böll Stiftung deutlich: „Alle wurden Teil des großen ‚als ob‘, pures Verwandlungsschauspiel, zart ironisch gebrochen durch einen Miniaturbagger, der würdevoll an einer Leine hinter dem Leichenwagen hergezogen wurde. Und unfreiwillig komplettiert von den zahlreichen Medienvertretern, die ihre Rolle besonders aufopferungsvoll interpretierten. Die gewünschte Bildproduktion fand statt, jeder filmte jeden, schon während die Aktion lief wurde sie viral. Die Demonstrationsteilnehmer erledigten die Dokumentation des Ereignisses gleich selbst und wurden so zu Co-Regisseuren der Erzählung im Netz. […] Als künstlerische Improvisationsanordnung ging der ‚Marsch der Entschlossenen‘ deshalb auf, weil das Zentrum erst starke Behauptungen und Inspirationen setzte, aber im entscheidenden Moment die Kontrolle über das Drehbuch an die Teilnehmenden abgab und auf die Magie der Improvisation vertraute. Demnächst ist die erste Theaterinszenierung des Zentrums für politische Schönheit am Schauspiel Dortmund zu sehen. Man darf gespannt sein“ (Christian Römer auf dem Blog der Heinrich Böll Stiftung, 24.6.2015). So spannend wird es dann doch nicht. Bevor für die Veranstalter am Schauspiel Dortmund erste Honorare und später staatliche Projektgelder für sinnstiftende Folgeprojekte unter aktiver Einbeziehung des Publikums abfallen und für den einen oder anderen vielleicht sogar eine Professur, gab es die unvermeidlichen Nachahmungsaktionen, zum Beispiel in Hannover, wo über Nacht im Stadtzentrum einige dieser Pseudogräber angelegt wurden; eines davon mit der Aufschrift: „Die Toten kommen!“ (Hannoversche Allgemeine, 3.7.2015).

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