Stolpern für Deutschland

Die Petition für Stolpersteine in München hat in nur wenigen Tagen bald 50.000 Unterzeichnende erreicht. Neben vielen rührigen Kommentaren der Unterzeichnenden wird in manchen auch die Problematik deutscher Gedenkideologie deutlich. Ein Blick in tiefe Abgründe.

Diese Begründung eines Petitionsteilnehmers ist ohne Weiteres nicht zu verstehen. Denn wer stolpert schon gerne – noch dazu über etwas unsagbar Quälendes? Mit einer patriotischen Brille gelesen, wird aus dem Unsinn wieder Sinn. Während die Erinnerung an den Holocaust vor einiger Zeit noch als Makel im deutschen Identitätskostüm verstanden wurde, wird sie heute zur kulturellen Bereicherung und nationaler Qualifikation hochgejazzt. Auf die Petitionsfrage, warum sie für Stolpersteine sind, antworteten deshalb Teilnehmende:

„[Weil Stolpersteine] stolz darauf machen, wie offen wir in Deutschland mittlerweile mit unserer Geschichte um gehen!“

„wir in Deutschland uns dieser Schuld bewusst sind und Orte des Erinnerns errichten.“

„Ich unterschreibe, weil ich stolz auf Deutschland bin.“

Der millionenfache industrielle Vernichtung wird zum kulturellen Trademark:

„Weil der Holocaust genauso zu Deutschland gehört, wie Goethe!“

„Weil das Erinnern zu einer wichtigen Kultur gehört.“

„Erinnerungen wichtig sind, um eine eigene Identität zu wahren.“

„Stolpersteine gehören zu Deutschland.“

Der Stolperstein als patriotische Pflicht
Wo Gedenkpolitik dermaßen in eine nationale Matrix eingeschrieben zu sein scheint, wird Gedenken freilich zur Pflicht und alle Kritikerinnen und Kritiker zu potenziellen Vaterlandsverrätern:

„Gedenken ist unsere Pflicht!“

„Wir, Sie alle, sind in der Pflicht“

„Ich finde die Weigerung, Stolpersteine zu dulden, als große Schande für unser Land.“

„Wie steht unsere Gesellschaft denn da, wenn eine Weltstadt wie München Stolpersteine verbietet?“

Als „Störenfried der Erinnerung“ (Eike Geisel) wurde von vielen Petitionsteilnehmern Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern, ausgemacht.

„Ich will diese Petition nicht nur an den Stadtrat, sondern auch an Frau Knobloch von der jüdischen Gemeinde München gerichtet wissen“

„Ich weiß, dass Frau Knobloch großen Einfluss nahm bezüglich des Verbots in München“

„Frau Knobloch hat im Übrigen nicht die Befugnis, auch für die nicht-jüdischen Opfer der Nazi-Diktatur zu sprechen“

Wie wir gedenken, haben nicht die Juden zu bestimmen
Da der stärkste Widerstand gegen Stolpersteine landesweit aus zahlreichen jüdischen Gemeinden kommt, versuchen einige Stolperstein-Befürwortende, die Mitbestimmung der jüdischen Gemeinden in Gedenkfragen zu desavouieren. Dutzendfach hat eine Münchner Stolperstein-Aktivistin in der öffentlichen Münchner Stolpersteingruppe so oder ähnlich auf Facebook betont:

„Indem man [Charlotte Knobloch] endlich klar macht, dass die Stolpersteine NICHT NUR für die Münchner Juden, sondern für aller Opfergruppen dieser Stadt ein Denkmal darstellen. München bestand und besteht nicht nur aus Juden, wie wir alle wissen.“

In Anbetracht der Kritikerinnen und Kritiker der Stolpersteine ist es besonders absurd, dass diese sich von Petitionsteilnehmern nicht selten als Nazis oder gar als Holocaustleugner verunglimpft sehen müssen.

Weiterlesen bei Schlamassel Muc…

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