Veränderter moralischer Kompass: Die postnationale Geschichtsschreibung entlastet Deutschland als treibende Kraft des Ersten Weltkrieges

Wenn es denn noch eines erneuten Exempels bedurft hätte, dass die postmoderne Pluralisierung von Wahrheit in Wahrheiten dem Geschichtsrevisionismus Tür und Tor so sperrangelweit wie noch nie zuvor geöffnet hat, dann hätte die Kriegsschulddebatte des Frühjahrs 2014 ein solches geliefert. So dankbar und unermüdlich bemühten die Geschichtsredakteure der großen Zeitungen und Radiosender den Begriff „Meistererzählung“ oder auch den des „Narrativs“, die beide auf Lyotards Attacke gegen die so genannten grands récits zurückgehen, dass nahezu kein Text, der auch nur entfernt Bezug nahm auf Christopher Clarks Die Schlafwandler (oder auch Herfried Münklers Der große Krieg), ohne sie auskam. (1) Solche vorauseilende Relativierung, die sich darauf zurückzieht, nur zu deuten, aber nicht zu erklären, entspricht wohl auch der ambivalenten Haltung der zugleich ebenso vorsichtigen wie skandalhungrigen Journalisten; denn die Thesen Clarks, die es wohlwollend ins Gespräch zu bringen galt, beschränkten sich nicht mehr nur darauf, die vor den kritischen Interventionen Fritz Fischers (Griff nach der Weltmacht, 1961) oder Hans-Ulrich Wehlers (Das deutsche Kaiserreich, 1973) hierzulande übliche Ansicht aufzuwärmen, die beteiligten europäischen Staaten seien im August zu gleichen Teilen eben so hineingeschlittert in den Ersten Weltkrieg.

Nein, Clark – und das ist das Neue – versucht, dem „balkanischen Nationalismus“ und insbesondere Serbien die aktive Rolle des agent provocateur in der „gesamteuropäischen Krise von 1914“ (ein Begriff, mit dem Sönke Neitzel, deutscher Professor an der London School of Economics, Clark bereits früh zur Seite sprang) (2) zuzuschanzen und damit eben auch Serbiens Verbündeten quasi durch die historische Hintertür den Hauptteil der Verantwortung aufzubürden. Als zum Krieg treibende Akteure erscheinen plötzlich nicht mehr der deutsche Kaiser und seine Entourage aus Kommissköpfen, sondern der Sarajewo-Attentäter Gavrilo Princip und die serbische Geheimorganisation Schwarze Hand.

Kausalität und Zeitgeist

Dazu entwirft Clark – wie könnte es anders sein – ein „mehrschichtiges Narrativ“, das die je verschiedenen „Pfade zum Krieg“ erzählt; seinem Wesen gemäß verabschiedet sich dieses Narrativ schon programmatisch von der Frage nach dem „Warum“ und widmet sich dem „Wie“ beziehungsweise den je verschiedenen „Wies“ in Belgrad, Berlin, London, Paris, Sarajewo, St. Petersburg und Wien: „Die Frage nach dem Warum“, so Clark, lade doch nur ein, „nach fernen und nach Kategorien geordneten Ursachen zu suchen: Imperialismus, Nationalismus, Rüstung, Bündnisse, Hochfinanz, Vorstellungen der nationalen Ehre, Mechanismen der Mobilisierung. Der ‚Warum-Ansatz‘ bringt zwar eine gewisse analytische Klarheit, aber er hat auch einen verzerrenden Effekt, weil er die Illusion eines ständig wachsenden Kausaldrucks erzeugt.“ Wenn aber die Kausalität als Erklärungsbasis erst einmal zerrüttet ist, können Geschichtsinterpretationen den je herrschenden Zeitgeist in sich aufnehmen, ohne sich noch bohrende Fragen nach gesellschaftlichen Verhältnissen, ideologischen Rahmenbedingungen oder mentalitätsgeschichtlichen Dispositionen gefallen lassen zu müssen. Clark räumt so auch relativ offen ein, dass sein Narrativ dem neueuropäischen Postnationalismus verpflichtet ist. „Unser moralischer Kompass hat sich verändert“, schreibt er und fährt fort: „In einer Zeit, in der die nationale Idee noch jung und voller Versprechungen war, herrschte intuitiv Sympathie mit dem Nationalismus der Südslawen und wenig Sympathie für die schwerfällige Völkergemeinschaft des Habsburger Reichs. Die Kriege im Ex-Jugoslawien der neunziger Jahre haben uns an die Tödlichkeit des Nationalismus auf dem Balkan erinnert. Seit Srebrenica und der Belagerung Sarajevos fällt es schwerer, Serbien als reines Objekt oder Opfer der Großmachtpolitik zu sehen, stattdessen kann man sich leichter den serbischen Nationalismus als eigene historische Kraft vorstellen. Aus der Sicht der heutigen Europäischen Union betrachten wir den zerfallenen Flickenteppich des habsburgischen Österreich-Ungarn tendenziell mit mehr Sympathie.“ (3)

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