Süddeutsche „Ausfälle“ – Wo Antisemitismus zur Normalität geworden ist

sz49Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort: Als ich neulich mittags nach einer neben mir liegenden Ausgabe der Süddeutschen Zeitung griff, um in einem Münchner Imbisslokal ein wenig die Neuigkeiten des Tages zu studieren, fiel mein Blick sofort auf die martialische Überschrift „Gebet und Straßenkampf“, die auf der Titelseite prangte. Worum es da wohl ging? Um Djihadisten in Syrien vielleicht?

Albert Einstein soll einmal gesagt haben, die Definition von Wahnsinn laute, immer wieder dasselbe zu tun und jedes Mal ein anderes Ergebnis zu erwarten. Das war klug gesagt; zumindest klüger, als anzunehmen, man könne auch nur ein einziges Mal die SZ  lesen, ohne auf Antisemitismus zu stoßen. Lassen wir der Einfachheit halber mal die ganze lange Vorgeschichte weg, und rekapitulieren wir nur die vergangenen zwölf Monate:

Im April 2013 veröffentlichte die hernach unter Spöttern „Waffen-SZ“ getaufte Zeitung Günter Grass’ antisemitisches Tabubrechpoem „Was gesagt werden muss“ – selbstverständlich nur, weil es gesagt werden müsse, nicht, weil man Grass’ Meinung teile. Im Juli 2013 dann stellte das Blatt wie zum Beweis des Gegenteils Israel als „gefräßigen Moloch“ dar, als hungriges Monster, das nur darauf warte, die Welt zu verspeisen. Als diese Propaganda in der Öffentlichkeit kritisiert wurde, reagierte die verantwortliche Redakteurin Franziska Augstein ebenso patzig wie sinnfrei: „Nur die Feinde Israels sehen Israel in der Weise, die dem abgebildeten Monster ähnelt. Außerdem ist der Staat Israel nicht mit dem Judentum gleichzusetzen.“ (SZ, 2.7.13) Die Heribert Prantl-Gattin Franziska Augstein, die wir ihr Halbbruder Jakob als notorische Israelhasserin bekannt ist – denkwürdig ihr Auftritt bei Maybrit Illner, als sie sich ganz ungeniert hinter Grass’ Verschwörungstheorien stellte –, war also der Ansicht, die Karikatur könne nicht antisemitisch sein, weil Antisemiten trennscharf zwischen dem jüdischen Staat und dem Judentum unterschieden.

Schon im Februar 2014 wurde die nächste Runde eingeläutet, als die SZ sich abermals an der Meisterdisziplin des Julius Streicher versuchte, der Karikatur: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg wurde als hakennasige, schläfengelockte Krake in Szene gesetzt, die mit ihren Tentakeln die ganze Welt beherrsche. Es ist bezeichnend, dass es Titanic-Redakteur Stefan Gärtner vorbehalten war, den Fall öffentlich zu machen. Ohne seinen bissigen Kommentar wäre vermutlich niemandem etwas aufgefallen, denn die nationalsozialistische Bilderwelt ist offenbar von den Landsleuten so sehr internalisiert, dass sie nicht einmal merken, wenn jemand so daher schwatzt und zeichnet wie der schwäbische Volksschullehrer Julius S. Selbst der Zeichner wusste nicht, wie ihm geschah und was in ihm da losgezeichnet hatte: „Wer meine Zeichnungen und mich kennt, weiß, dass es mir fernliegt, Menschen ob ihrer Nationalität, religiösen Einstellung oder Herkunft zu diffamieren. Dass die Karikatur […] wie eine antijüdische Hetz-Zeichnung aussieht, ist mir nicht aufgefallen.“ (SZ, 25.2.14) Wer allerdings allen Ernstes glaubte, jetzt sei a’mal Schluss mit dem Schmarrn, wurde nur kurze Zeit später eines Besseren belehrt: Im März 2014 machte das allseits beliebte Süddeutsche Zeitung Magazin mit der Headline „Das Monster lebt“ auf und illustrierte die Hasstirade gegen gierige Banker mit einem Monster in Bankiersdress, das mit seinen Klauenfüßen auf umherpurzelnden „einfachen“ Wohnhäusern hockt, und auf dessen Schultern die City of London ruht. Durch den Boden des Finanzhandelsplatzes streckt es einen Finger, der mit Seilen gefesselt ist, ein trauriges Gesicht macht und von den Regierungschefs Europas und der USA in Siegerposen umringt ist. Das Monster grinst dämonisch, bringt so seine großen und vielzähligen Reißzähne zum Vorschein und hat dabei die Politiker im Blick, die vor Journalisten so tun, als hätten sie es besiegt.

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