Lee Miller und die deutsche Liebe zum Tod

millerleeLee Miller avancierte als Fotomodell und vom Surrealismus stark beeinflusste Photographin in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. 1944 wurde sie als eine der wenigen Frauen als Kriegsreporterin der Zeitschrift Vogue bei den Streitkräften der USA akkreditiert. Sie begleitete die US-Truppen auf ihren Weg nach Deutschland. Unmittelbar nach der Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Dachau besuchte sie diese Lager und lieferte eindrucksvolle Reportagen. Bekannt wurde sie u.a. aber auch durch das Foto, dass Scherman von ihr in Hitlers Badewanne schoss.

Doch nicht nur der Umstand, dass sie als eine der wenigen Frauen an vorderster Front die US-amerikanischen Truppen begleitete, ist bemerkenswert, sondern vor allem ihr scharfer unversöhnlicher Blick auf ein Deutschland und seine Bewohner, die von krimineller Geisteskrankheit und einer Liebe zum Tod besessen waren und gleichsam opportunistisch sich unverdrossen wünschten, auf der Seite der Sieger zu sein (249).

Das Buch beginnt mit der Reportage über die Belagerung und Eroberung des französischen Städtchens Saint-Malo, in dem sich deutsche Truppen nach der Landung der Alliierten verschanzten und mit Napalm förmlich ausgeräuchert werden mussten. Schon hier lässt Miller kein gutes Haar an den deutschen Besatzern, die sie meistens als Hunnen oder Krauts bezeichnet.

Mit einem unprätentiösen und naturalistischen Stil, lässt Miller den Leser hautnah an den Kämpfen der alliierten Befreier Frankreichs, Luxemburgs und des Elsass teilhaben. Dabei richtet sich ihr Augenmerk auf die Situation der kämpfenden GIs, der sich oft zwischen den Fronten befindenden Zivilbevölkerung und der vielen Zwangsarbeitern. Surreal mutet die Szenerie an, als angesichts einer fotografierenden Frau, die sich ergebenden deutschen Truppen, die Einhaltung der Genfer Konventionen fordern. Der kommandierende deutsche Oberst wehrte sich so heftig dagegen, von so etwas wie „something Frau“ fotografiert zu werden, dass Miller ihm den würdevollen Abgang ruinierte (89). An anderer Stelle beschreibt sie die kapitulierenden Truppen so: „Die Krauts bestiegen ihre hübschen Pferde, stellten sich in exakter Reihe auf und heilhitlerten ihrer Mannschaft zu.“ (120)

In Deutschland schließlich angelangt, verfasst Miller ihre klarsichtig und scharf formulierte Reportagen über das Verhalten und die Haltung der gut genährten und häufig mit Raubgut aus ganz Europa ausgestatteten deutschen Bevölkerung nach der Besetzung ihres Landes durch die alliierten Truppen. Ihre Reportagen geben (ähnlich wie die Saul K. Padover) einen guten Einblick in das, was empirische Untersuchungen unmittelbar nach dem Krieg in abstrakten Zahlen zur Affinität der deutschen Bevölkerung zum Hitlerregime nachgewiesen haben.

Angesichts der sich selbst entleibten Nazifamilie des Leipziger Oberbürgermeisters stellt Miller fest, dass „die Liebe zum Tod .. das Grundmuster deutscher Existenz darstellt“. Und obwohl auch in Leipzig zahlreiche Deutsche versuchten sich zu fraternisieren, bleibt ihr Blick klar und unbeirrt. Die Kritik fast aller Deutschen an Hitler bescheide sich darin, dass er den Krieg verloren hat. Ähnlich wie viele sowjetische Soldaten fragte sich Miller, die schöne Landschaft betrachtend, den supermodernen Komfort der Häuser bestaunend, warum die Deutschen noch mehr wollten. Sie konstatiert, „Ich glaube nicht, dass sie je aus dieser Erfahrung lernen werden, und ich weiß, dass ich sie nie verstehen werde.“ (237) An anderer Stelle bescheinigt sie Deutschland, dass es von Schizophrenen bewohnt ist. (201) Plastisch beschreibt sie das Nebeneinander der Schönheit der deutschen Landschaften, bevölkert mit herausgeputzten Kindern und fleißigen Menschen mit dem Ort, den ihr Reiseführer von 1913 noch nicht kannte und auch zukünftig keine Erwähnung finden würde – Buchenwald. „Schließlich hat niemand in Deutschland jemals etwas von einem Konzentrationslager gehört, und ich vermute, dass dort auch niemand auf das Touristengeschäft besonders erpicht war. Besucher buchten jedenfalls ohne Ausnahme nur den Hinfahrtschein, …“ (202).

Mit Verachtung begegnet sie den „schleimigen“ Versuchen der Besiegten, sich an die Besatzer heranzuwanzen. „Erstaunlich fand ich die Dreistigkeit der Deutschen, eine Mitfahrgelegenheit … Zigaretten, Kaugummis und Seife zu schnorren. … Wie konnten sie es wagen! … Welche Verdrängungsleistung in ihren schlecht belüfteten Hirnwindungen bringt sie zu der Vorstellung, sei seien ein befreites Volk und kein besiegtes. Ein Gestapo-Gefängnis wurde befreit, und gegen das gesamte deutsche Volk wird nun von den stummen Toten … Anklage wegen krimineller Geisteskrankheit erhoben.“ (205f) Die Strafe, die sich Miller für die Krauts oder Hunnen erhoffte, war, dass die Russen die Deutschen so behandelten, wie es Goebbels behauptete. (198)

Lee Millers Reportagen könnten ein gutes Gegenmittel gegen die allgemeine deutsche Versöhnungs- und Erinnerungsliturgie sein, die, je mehr sie sich dem Nationalsozialismus widmet, um so mehr in Selbstbezüglichkeit und Selbstmitleid sowie distanzloser Vereinnahmung den ehemaligen Kriegsgegnern und Opfern gegenüber verfällt. Ob die Lektüre allerdings tatsächlich etwas gegen den allgemein deutschen Autismus bewirkt, bleibt dahin gestellt.

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