Kommentar: Israel überflutet den Gazastreifen

Haben die Israelis bei den Überschwemmungen in Gaza ihre Hände im Spiel? Kaum ist der Wintersturm vorüber, machen auch schon Verschwörungstheorien die Runde.

In einem „exklusiven“ Interview mit der größten jüdischen Zeitschrift in den USA, „The Jewish Press“, habe der palästinensische Präsident Mahmud  Abbas  erklärt, warum er Israel nicht als jüdischen Staat anerkennen könne. Mit ihren Gebeten hätten die Juden Gott beeinflusst, einen Schneesturm zu schicken, um das geplante Treffen von US-Außenminister John Kerry mit Israels Premier zu verzögern.

„Die Juden haben ihren Gebeten im vergangenen Monat kabbalistische Ideen mit Geheimcodes eingefügt, damit ein Wintersturm den Zeitplan Kerrys durcheinander bringe.“ Amerikanischen Reportern habe  Abbas  erklärt: „Es gibt keine Zufälle. Dies ist nur ein Wink, was passiert, sowie wir Israel als jüdischen Staat anerkennen. Den Juden ist nicht zu trauen. Sie werden ihren Einfluss auf Gott nutzen, um zu kriegen, was sie wollen. Da könnte es eines Tages sogar – Gott behüte – Frieden geben.“

Abbas  drohte nach Angaben der Zeitschrift, alle Synagogen in der Welt zu boykottieren, falls die Juden nicht aus ihren Gebetbüchern die Gebete zum Wohle Israels herausreißen. Diese Gebete seien Kriegsverbrechen wegen der Aufrufe an den HERRN, Rache an den Feinden zu nehmen.

In einem ebenfalls „exklusiven“ Interview mit „The Jewish Press“ erklärte der israelische Außenminister Avigdor Lieberman, dass nicht Gott für den Wintersturm zu danken sei. Vielmehr habe er, Lieberman, seine Kontakte genutzt, um den Sturm im Kreml zu organisieren.

„Israel öffnete Staudamm im Gazastreifen“

„The Jewish Press“ hat sich offenbar eine abstruse Parodie auf palästinensische Propaganda ausgedacht, hätte aber gar nicht so weit gehen müssen. Die neuesten, durchaus ernst gemeinten Verschwörungstheorien wurden im Gazastreifen nach schweren Überschwemmungen laut, an denen natürlich nicht der Winterregen, sondern allein die Juden, also Israel, schuld seien.

Ihab al-Ghusain vom „Informationsamt“ der  Hamas -Regierung hatte gegenüber „Arabic Sky News“ eine einfache Erklärung für die verheerenden Schäden: Israel habe den Wadi Sofa Damm östlich von Rafah geöffnet. Der Bürgermeister von Rafah, Issa Naschar, bestätigte, dass mehrere Viertel seiner Stadt einen Meter tief im Wasser versunken seien, weil Israel den Damm geöffnet habe. Jasser Schanti, Vorsitzender des Katastrophendienstes im Gazastreifen, behauptete, dass Israel zusätzliche einen Damm im Gaza-Fluss geöffnet habe. Deshalb sei die Stadt Dir el-Balah überschwemmt worden. Dir el-Balah liegt zehn Kilometer südlich des Gaza-Flusses, mit dem Flüchtlingslager Nusseirat dazwischen.

Welchen Einfluss die jüdischen Gebete mitsamt kabbalistischen Formeln auf Gott haben, ließ sich nicht ermitteln. Lieberman geizte mit Angaben, wie er den Wintersturm im Kreml organisiert habe. Aber die palästinensischen Angaben über die Öffnung israelischer Staudämme können überprüft werden.

Einer der erwähnten Staudämme stehe im „Wadi Gaza“, dem Gaza-Fluss, also mitten im palästinensischen Gebiet. Da sich die Israelis 2005 aus dem Küstenstreifen zurückgezogen haben, müssen die Besatzungstruppen eine Fernlenkung besitzen, um dessen Fluttore zu öffnen. Rätselhaft ist nur, wo der in keiner Landkarte eingezeichnete Staudamm steht.

Auch die anderen Staudämme waren nirgendwo zu finden. In den Berichten der Palästinenser, des iranischen Fernsehens und von Menschenrechtsorganisationen wurde behauptet, dass Israel die vermeintlichen Staudämme errichtet habe, um den Palästinensern kostbares Wasser vorzuenthalten. Jetzt dienten sie hingegen dazu, den Gazastreifen unter Wasser zu setzen.

Israelischer Experte: „Weit und breit kein Staudamm“

Nehemia Schahaf, verantwortlich für das Bewässerungssystem in der nördlichen Negevwüste Israels, erklärte gegenüber der regierungskritischen Tageszeitung „Ha‘aretz“, dass es in der ganzen Gegend keinen einzigen Staudamm gebe. Bei Ze‘elim, südlich von Be‘er Scheva, gebe es eine einen Meter hohe Zementmauer, mit der die Winterströmung in ein Wasserreservoir mitten in Israel umgeleitet werde. Doch diese Mauer könne „weder geöffnet noch geschlossen“ werden. Wegen des starken Regens sei das Reservoir bei Ze‘elim übergelaufen. Dessen Wasser sei in Richtung Gazastreifen und  Mittelmeer  abgeflossen, ohne gestoppt werden zu können.

Eine intensive Suche mit „Google-Maps“ ergab die Existenz mehrerer Wasserreservoirs auf israelischem Gebiet. Doch handelt es sich deutlich sichtbar um Wasserbecken mit hohen Wällen rundum und keinesfalls um „Staudämme“, zumal sie nicht in Flussbetten stehen. Sie werden mit geklärtem Abwasser gefüllt, das von der Gegend um  Tel Aviv  in Rohren gepumpt wird und den Landwirten zur Bewässerung dient.

In allen arabischen, palästinensischen und iranischen Berichten werden zwar Bilder der Überschwemmungen in Gaza gezeigt. Doch die vermeintlich von Israel böswillig geöffneten Staudämme werden nirgendwo gezeigt, noch gibt es genaue Ortsangaben. Und falls Israel tatsächlich diese unauffindbaren Staudämme errichtet haben sollte, um den Menschen im Gazastreifen Trinkwasser vorzuenthalten, ist unverständlich, wieso die nationale israelische Wassergesellschaft „Mekorot“ jährlich 50 Millionen Kubikmeter Trinkwasser aus dem See Genezareth in den Gazastreifen pumpen muss. Aber Fakten, Logik und Propaganda sind Begriffe, die einander meist ausschließen.

Von Ulrich W. Sahm via INN

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Eine Antwort zu Kommentar: Israel überflutet den Gazastreifen

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