Linksakademismus aus der Schublade

Nun vollzieht sich bekanntlich an den Hochschulen – besonders in den vergangenen Jahren, gleichwohl schon seit mindestens hundert Jah­ren, als Geist und Geld identisch wurden, objektiv Gesellschaftliches. Das beschädigt die Akademiker von heute ungemein auf eine ganz be­sondere Art und die Referenten der Linken Fachschaft sind Sinnbild ins­besondere dieser allseits beobacht­baren narzisstischen Deformation der Akademiker. Für sie ist es nämlich unter den aktuellen Bedingungen des Kapitalverhältnisses nicht leichter geworden. Denn ihre geistige Ar-beitskraft als variables Kapital muss sich den Anforderungen des Marktes stets anpassen. Der Linksakademiker ahnt ganz besonders davon – ihm wird schließlich mehr abverlangt als ganz gewöhnlichen Akademikern. Darum steht er unter besonderem Konkurrenzdruck, die Plätze zum Unterkommen im Universitätsbetrieb sind schließlich rar und die im linksalternativ-ökofaschistisch-gen-dersensiblem Milieu nachgefragten soft-skills müssen hart antrainiert werden. Die stets angepasste Rebellion gegen das kritische Denken, ganz im Geiste der postmo- dernen Austreibung der Vernunft, vollzieht sich ganz avantgardistisch insbesondere im Linksakademismus. Die Zeiten, als noch von Hegel, Marx, Adorno und Freud etwas gehalten wurde, sind längst vorbei – vielleicht sogar zurecht. Wenn überhaupt je in Marburg, in dieser linken Provinz, davon etwas gehalten wurde, so war dies bloß das alternative Seminarprogramm für besonders engagierte Theorieinteres­sierte, die sich in der Seminaratmo­sphäre ihrerstudentischen Lesekreise im Selbststudium Fakten anhäuften und Theoriehäppchen mundgerecht zuführten, um noch dienlicher auf dem akademischen Theoriemarkt sein zu können.

Besonders gewitzte Charaktere die­sen Typs finden sich regelmäßig vor allem im Umfeld der „Linken Fach­schaft“. Hier bleibt man ordinär links, weiterhin stupide semi-akade­misch und pflegt zur Kritik ein in­strumentelles Verhältnis. Schließlich arbeitet man hier ganz studentisch schluderig und ahistorisch selbstsi­cher, also geflissentlich an der Ver­mittlung von Theorie und Praxis und verunstaltet damit die kritische Theorie zur akademisch angewand­ten Wissenschaft. Zur Kritik der geistigen Arbeit ist man hier selbst­verständlich nicht fähig, man betreibt Wissenschaftsfetisch, gleichwohl ganz unbegabt und nur im Mittelmaß. Man bleibt hier ganz unter seines Gleichen und lobt sich gegen­seitig auf ganz abgeschmackte Art als besonders links geläutert und schämt sich nicht einmal für seine Halbbildung. Zur Universität pflegt man darum eine ambivalente Hass­liebe. Einerseits grenzt man sich von ihr ab, nennt den eigenen Standes­dünkel ganz schamlos und größen­wahnsinnig „kritische Wissen-schaft“. Andererseits bewegt man sich aber stets im Dunstkreis der fütternden Hand und buhlt um Stellen als studentische Hilfskraft. Nirgendwo sonst manifestiert sich darum das objektive Zwangsgefüge spätkapitalistischer Gesellschaften und die damit einhergehende objek­tive Verblödung ihrer Insassen in der Universität im Allgemeinem und in der „Linken Fachschaft“ und ihrem Umfeld im Besonderem. Das tritt im Linksakademismus deshalb so deutlich zu Tage, weil ihre Protagonisten besonders bewegt sind und zugleich das Theoretisieren auf Mittelmaß zu ihrer Freizeit-beschäftigung erklärt haben. Hier ist also Kritik bloß eine Namenstafel – völlig inhaltsarm und form-vergessen. Hier wird Kritik bzw. die Kritik der Gesellschaft gerne im Mund geführt, um vermeintliche Kritikfähigkeit und nicht selten klandestine pseudointellektuelle Zugehörigkeit in einem zum Ausdruck zu bringen. Dabei bewegt man sich lediglich nur in den eigenen akademischen Kreisen und ist auf narzisstische Anerkennung aus, denn was sonst treibt in die Öffentlichkeit, gar auf das Podium eines Hausarbeiten-kongresses, wenn nicht der eigene Narzissmus und das Totalvertrauen in die eigene geistige Arbeitskraft. Darum glaubt man noch an die eigene Textproduktion, wie an die Magie der Sprache. Darum ist man von sich so überzeugt und betreibt darum ganz schamlos Selbstdarstellung. Zu allem Überdruss halluziniert man sich auch noch als Avantgarde einer Marburger Linken und gibt den Souffleur des akademischen Prekariats. Das Totalversagen, im Stande der geistigen Unfreiheit die Einheit von Theorie und Praxis aufzugeben und die begriffliche Nähe von Kritik und Krise zu reflektieren, ist hier inhärent. Genau darüber allerdings müsste man in solchen kritik-findlichen Zeiten genau nachdenken. Solang man sich allerdings von der eigenen akademischen Ohnmacht und Dummheit nicht lossagt; solang man sich der freiwilligen Selbstkon-trolle und der Selbstoptimierung, dem Diktat praktischer Verwend-barkeit freiwillig unterwirft; solang der „Habitus geistiger Unfreiheit“ (Adorno) masochistisch abgefeiert und nicht kritisiert wird; solange noch so getan wird, als käme es auf den Einzelnen und auf sein (akademisches) Geschwätz an; solange gilt eine ganz banale Weisheit revolutionärer Kritik: “Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.” (Karl Valentin)

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