Was über den Giftgas-Einsatz in Damaskus bekannt ist

Solange keine unabhängigen Experten den möglichen Giftgas-Einsatz in Damaskus untersuchen, bleiben viele Informationen vage. Selbst der Einsatz von Giftgas ist noch nicht erwiesen. Dennoch sprechen einige Indizien dafür.

Über den Giftgas-Einsatz gegen Zivilisten bei Damaskus gibt es fast keine gesicherten Informationen. Die Zahl der Toten, mit 1.300 beziffert, stammt von einem Rebellen, der 13 Orte aufgezählt hat und zu jedem behauptete, dass jeweils hundert Tote eingeliefert worden seien. Diese Zählung ist derart vage, dass sie nicht einmal als Schätzung dienen dürfte. Die Quelle, ein Rebell, ist ebenso unzuverlässig wie Angaben des syrischen Regimes.

Bilder sprechen für Giftgas-Einsatz

Einen „Beweis“ für den Einsatz von Giftgas gibt es nur anhand vieler Bilder im Internet. Man sieht Dutzende Babys und Kleinkinder, die aussehen, als würden sie im Kindergarten ihren Mittagsschlaf halten. Sie wirken unversehrt, ohne Blutspuren. Auf manchen Bildern sind tote Männer in weißen Säcken mit offenem Gesichtsaussschnitt auf dem Boden liegend zu sehen.

Ein Schweizer Giftgasexperte, Stefan Mogl vom Labor Spiez des Schweizer Bundesamts für Bevölkerungsschutz, ist nach Sichtung der Bilder und Videos überzeugt, dass diese Menschen „stark vergiftet worden sind“. Die „Symptome entsprechen denen von Nervengas“. Er erwähnt Pupillenverengung, Muskelkrämpfe einzelner Glieder oder Ganzkörpertremor, der besonders bei kleinen Kindern kaum zu simulieren sei. Bei so vielen Personen unterschiedlichen Alters seien die „Symptome extrem beeindruckend“. Als mögliche Giftstoffe erwähnt er Sarin und Tabun.

Dan Kaszeta, einem früheren Offizier des U.S. Army Chemical Corps, ist aufgefallen, dass keine der behandelnden Personen oder Fotografen Schutzkleidung trägt und sie dennoch wohlauf wirken. Auch wenn sich die Gase, die Hunderte getötet haben, schnell verflüchtigen, könnten kleine Mengen an der Kleidung oder am Körper der Patienten kleben und die Ärzte gefährden. Zudem gebe es sichtbare Zeichen wie Erbrechen bei weniger hart getroffenen Opfern. Doch die sind offenbar nicht dokumentiert.

Unabhängige Untersuchungen notwendig

Die Beobachtungen klingen überzeugend, aber es sind nur Indizien, solange kein unabhängiger Arzt vor Ort die Patienten oder Toten untersucht hat und Experten nicht Bodenproben entnehmen konnten. Nervengas verflüchtigt sich angeblich sehr schnell. Zudem könnten die Täter die verwendeten Granaten eingesammelt und entfernt haben. Ohne stichhaltige Beweise lassen sich weder Giftgas nachweisen noch die Täter ermitteln.

Nur wenige Kilometer von den angeblichen Angriffsorten harren UNO-Experten in der Lobby ihres „Four Seasons“-Hotels aus. Sie durften nach Damaskus einreisen, haben aber erst jetzt, mit fünf Tagen Verspätung, von der syrischen Regierung die Erlaubnis erhalten, die betroffenen Orte zu besuchen. Die könnten vielleicht feststellen, welche Gase verwendet worden sind. Aber sie haben kein offizielles Mandat, die Täter zu ermitteln. Bekanntlich ist die UNO sehr strikt beim Einhalten ihrer aufgestellten oder auferlegten Spielregeln.

Nur Mutmaßungen über die Täter

Wer war also der Täter? Für die Rebellen ist klar, dass es die Regierungstruppen des syrischen Präsidenten Baschar Assad waren. Doch die syrische Armee behauptet, über gar kein Giftgas zu verfügen. Diese Behauptung klingt wie eine Lüge, zumal Fachinstitute wie „Janes“ schon vor Jahren festgestellt haben, dass Syrien der weltweit größte Produzent chemischer Kampfmittel sei. Deshalb muss man weder dem amerikanischen Geheimdienst noch dem israelischen Verteidigungsminister Mosche Ja‘alon glauben, der erklärt hat: „Nicht zum ersten Mal hat das (syrische) Regime chemische Waffen verwendet.“ Auch die exakt auf den Tag ein Jahr vor dem angeblichen Massaker in Syrien von US-Präsident Barack Obama gesetzte „Rote Linie“ muss nicht als „Beweis“ für das Vorhandensein von Sarin oder Tabun in Damaskus gelten. Zeitweilig hieß es, dass Kämpfer aus dem Iran und der  Hisbollah  das Gas verschossen hätten.

Das israelische Fernsehen meldete am Freitagabend aufgrund „zuverlässiger Quellen“, dass Assad persönlich den Befehl zum Einsatz von „wenig Giftgas“ erteilt habe, als Vorbereitung für den durchaus bestätigten Sturm der von Rebellen eingenommenen Viertel am Stadtrand von Damaskus. Dann sei aber alles „außer Kontrolle“ geraten. Wegen der hohen Luftfeuchtigkeit habe sich das Giftgas nicht sofort verflüchtigt. Deshalb habe es nicht „nur“ 1.300 Tote, sondern bis zu 2.000 Tote gegeben. Ebenso sei „nachgewiesen“, dass das seit dem Ersten Weltkrieg geächtete Sarin verwendet worden sei. Auch diese Angaben sind freilich ohne Gewähr.

Eine Frage der Interessen

Ein relativ zuverlässiges Mittel, die „Wahrheit“ herauszufinden, ist eine Analyse der „Interessen“ der beteiligten Parteien. Ein Teil der Rebellen will die Amerikaner und den Westen in einen Krieg gegen das Assad-Regime ziehen, während die Russen und Chinesen weiterhin ihre schützende Hand über den Präsidenten halten. Die Rebellen könnten also eine „Provokation“ gemacht haben. Da Assads Truppen angeblich schon mehrfach Sarin eingesetzt haben, könnte genauso gut eine „kleine Aktion“ zur Einschüchterung der Rebellen unbeabsichtigt eskaliert sein.

Derweil dementieren die Russen den Einsatz von Giftgas, während die Amerikaner ihre „Rote Linie“ mit dem „Ausmaß der Opfer“ relativieren. Da sie sich aber nicht festlegen, wie viele Tote ein Eingreifen rechtfertigen, lassen sie sich so ein Hintertürchen offen, untätig zu bleiben wegen politischer Rücksichten.

In seinem Interview mit CNN am Freitagabend verwies Obama auf das Völkerrecht. Ohne klares Mandat der UNO könnten die USA nicht eingreifen. Offenbar gibt es Völkerrechte mit relativer Priorität,die nur mit mehrheitlichem Segen der UNO erzwungen werden dürfen. Ein Verbot des Massenmords an Zivilisten greift also nicht bei über hunderttausend Toten, sondern nur bei der Frage, wie die Menschen umgebracht worden sind oder wer der Mörder ist.

Nach über 130.000 Toten des Bürgerkriegs, über 4 Millionen Flüchtlingen und unermesslichen Zerstörungen in historischen Städten wie Aleppo, Homs, Hama und Damaskus relativiert sich die Frage, welcher Tod denn grausamer ist: vor laufender Kamera inszenierte Enthauptungen, willkürliche Bombardierungen von Wohnvierteln, Massaker mit Messern oder mit anderen primitiven Mitteln.

Von Ulrich W. Sahm / INN
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