Kommentar: Ist Schweigen vielleicht doch Gold?!

Aufgabe demokratisch gewählter Politiker ist es, Interessen zu vertreten. Doch welche Interessen vertreten führende Amerikaner und Europäer, wenn sie sich im furchtbar blutigen Alltag des „arabischen Frühlings“ Gehör zu verschaffen suchen? Haben sie die Folgen im Blick, die ihre Nahostpolitik in jüngster Vergangenheit zeitigten?

Durch den Sturz Saddam Husseins haben die Amerikaner den Irak der fundamentalistisch-islamistischen Republik Iran quasi auf dem Silbertablett präsentiert. Statt Frieden und Sicherheit müssen die Bewohner des Zweistromlandes heute täglich Autobomben und Selbstmordattentäter ertragen. Allein im Fastenmonat Ramadan haben dort mehr als 670 Menschen ihr Leben durch Gewalt verloren. Ihnen wird der Luxus des Mitgefühls der Weltöffentlichkeit ebenso vorenthalten, wie Tausenden Toten, die der syrische Bürgerkrieg zeitgleich forderte – angeblich, weil kein „akuter Handlungsbedarf“ besteht. Die Handlungen, die sich zumeist in eloquenten Worthülsen und Aufrufen zu Dialog, mehr Besonnenheit und Mäßigung erschöpfen, bleiben Brennpunkten vorbehalten, die wichtiger sind – wobei unklar bleibt, warum in letzter Zeit Kairo wichtiger ist als Damaskus oder Bagdad.

Tatsächlich hat westliche Einflussnahme in der Türkei, der Palästinensischen Autonomie, in Syrien und Ägypten, im Jemen und in Somalia in den vergangenen zwei Jahrzehnten massiv zur Erfolgsgeschichte der radikal-islamischen Muslimbruderschaft und ihrer Ableger beigetragen. Interessant wäre eine Zusammenstellung der reflexartigen Hüftschüsse unserer Nahostpolitiker und ein Abgleich ihrer Prophezeiungen mit der inzwischen eingetretenen Wirklichkeit. Charakteristisch für westliche Verbalgeschosse ist, dass sie abgegeben werden, lange bevor Fakten oder Zusammenhänge von Ursache und Wirkung zuverlässig untersucht werden konnten.

Warum eigentlich musste im Frühsommer 2010 der Bundestag parteiübergreifend und einstimmig über Israels Vorgehen gegen die Hilfsflottille um die Mavi Marmara abstimmen und sich flugs auf die Seite der türkischen IHH stellen – einer Organisation, deren islamistischer Hintergrund und Verbindungen bis hin zur Al-Qaida innerhalb weniger Minuten im Internet recherchiert werden konnten? Was sollen die jüngsten Stellungnahmen aus Amerika und Europa zu den Vorgängen in Ägypten bewirken? Warum müssen sich Politiker aus Nordamerika und Europa positionieren – bevor klar ist, ob das Massaker bei der Auflösung der Muslimbrüderdemos vielleicht doch von bewaffneten Extremisten provoziert wurde, wie Militärs behaupten? Glaubt wirklich irgendjemand, dass Muslimbrüder, Salafisten, Al-Qaida-Terroristen oder auch Militärs sich Mahnungen zur „Besonnenheit“ und gegen eine Eskalation der Gewalt aus Washington oder gar Berlin zu Herzen nehmen, während sie mitten in einem Kampf um Leben und Tod stehen?

Westliche Parteinahme gegen Christen

Wenn die USA drohen, ihre Militärhilfe an Ägypten einzustellen, oder Bundeskanzlerin Angela Merkel nachlegt, man müsse Rüstungsexporte in das Land am Nil überdenken, beziehen sie eindeutig Stellung für die Muslimbruderschaft und gegen das Militär. Gleichzeitig stellen sie sich nicht zuletzt gegen die koptischen Christen – deren Papst Tawadros II. sich offen für die Absetzung Mohammed Mursis ausgesprochen und hinter die Militärs gestellt hat. Sympathisanten des abgesetzten Präsidenten haben Dutzende Kirchen verbrannt, Hunderte Christen ermordet und Hunderttausende zur Auswanderung getrieben.

Ägypten ist übrigens kein Einzelfall. Auch in Syrien stehen Europäer und Amerikaner auf Seiten derer, die Präsident Baschar al-Assad stürzen wollen – und bedenken nicht, wie die Alternative aussieht. Hauptleidtragende sind auch dort und im Irak christliche Minderheiten, die sich zwei Jahrtausende hindurch in einem selten freundlichen Umfeld behaupten konnten – jetzt aber keine Existenzmöglichkeit mehr sehen. Vielleicht nur aus Opposition zu Russen und Iranern wird der Westen in Syrien zum Parteigänger von Muslimbruderschaft und Al-Qaida.

Angesichts von sechs Milliarden Euro saudischer Finanzspritze an Ägypten verlieren die Drohungen Barack Obamas und Merkels an Gewicht. Gleichzeitig träumt Russland davon, den alten Einfluss in der arabischen Welt zurückzugewinnen. Die Chinesen sind jederzeit bereit, Ausfälle bei Rüstungslieferungen auszugleichen. Vermeintlich „moralische Bedenken“ europäischer Politiker erscheinen angesichts der Investitionen früherer Zeiten und auch gegenwärtig in andere Krisenherde nicht wirklich glaubwürdig. Zudem werden sie von Russen und Chinesen genauso wenig geteilt wie von den im „arabischen Frühling“ aktiv engagierten Kämpfern.

Nein, ich möchte weder Herrn Obama noch Frau Merkel beratschlagen, wohin sie ihre Militärmilliarden oder Schützenpanzer schicken sollten. Meine Frage lautet lediglich: Warum kann man sich in so undurchsichtigen Situationen mit der Entscheidungsfindung nicht mehr Zeit lassen? Warum ist falsch, was Premierminister Benjamin Netanjahu bei einer Pressekonferenz mit Bundeskanzlerin Merkel zum „arabischen Frühling“ in Anlehnung an den Propheten Amos (Kapitel 5, Vers 13) gesagt hat: „Darum schweigt der Kluge zu dieser Zeit; denn es ist eine böse Zeit“? Schon der Volksmund meint zu manchen Situationen: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“. Ist das wirklich so falsch?

Von Johannes Gerloff / INN
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