Die unendliche Irena: Wachendorff, Zeugin der Anklage

von Gerrit Liskow

Gerade, als ich dachte, sie könnte vielleicht doch noch zur Raison gekommen sein (man soll den Menschen nicht aufgeben) ist Irena Wachendorff in ihre neuste Rolle geschlüpft: Zeugin der Anklage steht auf dem Programm. Aber die neue Rolle steht ihr genauso schlecht wie alles, was sie vorher sein wollte (Lyrikerin, Jüdin). Hinzu kommt, dass die “Drossel von Remagen” in ihrem großen Auftritt nicht annähernd so gut gekleidet ist, wie Marlene Dietrich in ähnlicher Funktion.

Die Deutschinnen und Deutschen der Gegenwart wollen alles mögliche sein, nur eins nicht: deutsch. Das ist ihr gutes Recht, nur leider wird ihnen ihre Liebe zum Detail und ihr Hang zum Perfektionismus dabei oftmals zum Verhängnis. Italienischer als die Italiener, afrikanischer als die Afrikaner, päpstlicher als der Papst sein zu wollen, kann Menschen in unlösbare Selbstwidersprüche verwickeln und erweist sich dann und wann als unfreiwillig komisches Unterfangen. Als Stoff für eine Komödie von Molière. Denn auch Bauernfängerei und Rosstäuschung funktionieren am besten, wenn Ahnungslosigkeit und Naivetät sich ausnutzen lassen.

Solange man nur sich selber was vorzumachen versucht, ist nicht viel dagegen zu sagen; ab und an mag es sozial Erfolg versprechend sein. Unerträglich wird es erst, wenn man Unbeteiligte in Mitleidenschaft zieht.

Ich habe nicht den Schimmer einer Ahnung, ob und wenn ja, warum die deutsche Clownerie funktioniert, aber sie scheint notwendig zu sein. Eigentlich kann sich jeder denken, dass man sich lächerlich macht, wenn man in der Pizzeria an der Ecke auf Italienisch bestellt – nicht zuletzt, weil es einem passieren kann, dass einen die rumänischen Saisonkräfte gar nicht verstehen, wenn man mit ihnen auf parlate italiano macht.

Es ist das eine, als Teutone einen Exoten zu markieren. “Im Bauch schon ganz schwarz” hat Melitta Poppe dazu mal gesagt. Denn in wessen Innereien geht es nicht sehr finster zu? Und es ist das Andere, sich unter Vorspielung falscher Tatsachen als Jude zu inszenieren. Die praktische Erfahrung lehrt, dass das in Germany oftmals attraktiver ist, als ein Auftritt als Italiener, Afrikaner oder Papst. Es haben die Italiener, Afrikaner und Päpste eben das Glück, dass sie Germany nicht allzuviel “verzeihen” müssen.

Emotional besonders lukrativ wird die pseudojüdische Selbstinszenierung, a.k.a. “Kostümjudentum”, aus offensichtlichen Gründen dann, wenn es gelingt, nicht nur sich selbst, sondern auch Dritten in die Tasche zu lügen. Ich habe nicht den Schimmer einer Ahnung, warum das immer wieder klappt, würde aber denken, dass es mit einem bestimmten Kapitel der deutschen Geschichte zu tun haben könnte. Vor allem mit der Zeit von 1933 bis 1945, als in Germany die Nazis herrschten, die keine Deutschen waren und wenn doch, dann auf jeden Fall nicht aus der Arbeiterklasse kamen, vor allem aber pünktlich zum 8. Mai 1945 mit ihren Reichsflugscheiben nach Neuschwabenland verschwunden sind, und zwar für alle Zeiten.

So weit, so schlecht. Mit Dichtung und Wahrheit à la Germany muss sich nun auch das Amtsgericht in Frankfurt/Main befassen, denn eine Betroffene fühlt sich beleidigt. Außer ihr selbst ist nämlich so gut wie keiner mehr davon überzeugt, dass sie Jüdin ist, und es muss ihr gelungen sein (auf Wegen, die mir rätselhaft sind) die Staatsanwaltschaft der hessischen Beamtenmetropole davon zu überzeugen, dass der Anfangsverdacht einer Straftat besteht, wenn man das Judentum der Frau Wachendorff verbal allzu offensiv in Frage stellt und ihre quasireligiösen Gefühle verletzt, indem man sie eine “Kostümjüdin” nennt. Könnte das nicht vielleicht sogar Majestätsbeleidigung sein, liebes Amtsgericht?

“Kostümjüdin” klingt doch eigentlich ganz lustig, finde ich. Und warum sollte es keine Kostümjuden geben, wo es doch auch Kostümitaliener, Kostümafrikaner und Kostümpäpste gibt? Kostümdeutsche selbstverständlich auch. Die Hälfte der zivilen Existenz beruht darauf, dass man sich kostümiert; auch wenn man vielleicht nicht immer ganz sicher sein kann, ob es die bessere oder die schlechtere Hälfte ist. Das Leben in einer halbwegs zivilisierten Gesellschaft wäre unmöglich ohne Kostüm. Es sollte das Kostüm natürlich halbwegs überzeugend sein und keine Anmaßung bedeuten. Wo aber wäre in diesem Begriff die Abwertung der Person geschehen, conditio sind qua non, wenn es sich um eine Beleidigung halten sollte?

Wenn Frau Wachendorff jüdisch ist, kann es ihr egal sein, was Dritte dazu sagen. Und wenn sie nicht jüdisch ist, wäre es keine Beleidigung, sie eine “Kostümjüdin” zu nennen, sondern lediglich eine Tatsachenbehauptung. Zumal Fau Wachendorff für sich, vor allem aber auch für andere, nun mal zu und zu gerne die Jüdin spielt. Hingegen könnte eine Jüdin, die schon immer jüdisch war, sich ein Ei darauf pellen, oder auch zwei, wenn irgendein Schmock sie eine “Kostümjüdin” nennt. Albernheiten! Also wäre die Argumentation der Anklage ein Widerspruch in sich? Ach ganz egal, Hauptsache, dass Frau Wachendorff ihren großen Auftritt bekommt. Logik scheint sozial gesehen sowieso gerade eine eher untergeordnete Rolle zu spielen.

Nun ja, wenn es der Wahrheitsfindung dient, wird es dem hessischen Amtsgericht vielleicht nicht schwer fallen, Frau Wachendorff zu attestieren, dass sie ein Opfer widriger Umstände geworden ist, weil sie als Deutsche geboren wurde und diese eigensinnigen Juden ihr die nötigen Credentials nicht anerkennen. Endlich ein Opfer, und dann auch noch ein Opfer der Juden – ist es nicht zu und zu schön! Das muss der krönende Abschluss der Wachendorffschen Vita sein. Ein Lebenswerk, in dem nicht immer ganz klar ist, wo die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit verläuft. Auf jeden Fall wohl nicht immer genau da, wo sie sich befinden müsste, wenn Wahrheit für Frau Wachendorff nicht bloß eine instrumentelle Rolle spielen würde. Warum also zur Abwechselung nicht mal ein Gericht zur Absicherung der eigenen Biographie instrumentalisieren? Justizia hätte nicht genug zu tun ohne die “Drossel”, ist zum Glück aber blind.

Nach allem, was davon bekannt geworden ist, fällt die Vita von Wachendorff Senior vor allem durch Ungereimtheiten auf: Er hatte etwas im Pflanzenschutzamt zu tun, war Rabbinerberater – aber bei der Wehrmacht war er auch, wie es heißt ab 1939. Wie passt das zusammen? Ganz einfach: Vor 1933 wäre er Rabbinerberater gewesen, dann wäre er vor den Nazis nach London geflohen (eine Behauptung, die sich unschwer auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen ließe), und pünktlich zum Krieg wäre er dann wieder zur Stelle gewesen, und zwar, um sich bei der Wehrmacht zu melden.

So oder so ähnlich hat Frau Wachendorff das Leben ihres Vaters sich und anderen zusammengereimt, und zwar ohne dabei unnötig durch Plausibilität zu irritieren. Nach 1945 wäre Wachendorff Senior dann übrigens als ein getaufter Christ in einer protestantischen Urne auf dem Waldfriedhof bestattet worden. Naja, die Deutschen und ihr Wald, das ist auch noch so ein Thema.

Wer diese Story in Hollywood loswerden wollte, müsste das Papier fressen, auf dem sie geschrieben steht. Aber gegen die Anfechtungen der schnöden Vernunft ist jede Mythomanin, die auf sich hält, hinlänglich immunisiert. Ihr Verhältnis zur Wahrheit zeichnet sich folglich durch ein Höchstmaß an Subjektivität aus. Und ihre Kreationen spielen in einem Reich, auf das die Unterscheidung zwischen Kunst und Wissenschaft nicht mehr anzuwenden ist. Dabei gelingt es ihr immer wieder, das fehlende Wissen der Öffentlichkeit für ihre, in der Regel niedrigen, egoistischen Zwecke auszunutzen, und zwar mehr oder weniger schamlos. Der Verlust der Scham jedoch ist, nicht nur nach Siegmund Freud, das prominenteste Symptom des klinischen Schwachsinns.

Meine eigenen Nachforschungen beim Zentralregister für das ehemalige Wehrmachtspersonal waren aufschlussreich. Auf meine entsprechende Anfrage, endlich mit der Wahrheit über Wachendorff Senior rauszurücken, wurde mir von der Berliner Behörde nämlich beschieden, dass Wachendorff Junior die fraglichen Details in der Vita ihres Vaters inzwischen “berichtigt” hätte. Insbesondere würde sie “von nun an darauf verzichten”, sich auf diese als Tatsachen zu beziehen. Somit, so das Zentralregister, wäre “ein gewisses öffentliches Interesse” an der Offenlegung der Wehrmachtslaufbahn von Wachendorff Senior nicht mehr gegeben.

Tja, das wäre dann wohl eine Behörde, die keine Ahnung hat, wovon sie spricht, wenn sie sagt, dass Frau Wachendorff darauf “verzichten” würde, diese angeblichen biografischen Daten noch immer als Tatsachen darzustellen; dass ihr Vater Soldat der deutschen Wehrmacht und Überlebender der Shoah zugleich gewesen wäre (wo er sich doch eigentlich zuvor schon vor den Nazis nach London gerettet hatte). Oder war er vielleicht doch Chemikalienexperte? Nobody knows for sure, und wenn doch, dann rückt keiner mit der Wahrheit raus, zumindest in der zuständigen Behörde. Wenn das stimmt, was man sich denken kann, hätte Frau Wachendorff sicherlich so manches Motiv für eine kleine biografische “Kurskorrektur”, um es mal so diplomatisch wie möglich zu formulieren.

Und selbstverständlich ist es bemerkenswert, wie gut ein Amt in Berlin über das Leben von Remagens weltbekanntester Lyrikerin informiert ist. Vor allem scheint das Ex-Wehrmachtsamt zeitnah nicht nur sehr genau zu wissen, was Frau Wachendorff so alles treibt. Sondern vor allem auch, was sie alles nicht treibt, und zwar in ihrer Freizeit, nicht allein in ihrer offiziellen Funktion als “Drossel”. Es mauert in der Regel nur, wer weiß, dass er etwas zu verstecken hat. Aber diese Behörde in Berlin wird ganz sicher eine rühmliche Ausnahme von dieser Regel sein.

Außerdem wäre es ja auch überraschend gewesen, wenn ausgerechnet die Nachforschungsstelle für das Wehrmachtspersonal das täte, was auf ihrem Türschild steht, und nachforschen würde, noch dazu über das Wehrmachtspersonal. Wer das glaubt, glaubt vermutlich auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten. Wie es ja als Witz des Tages in jeder zweiten deutschen Amtsstube steht, auf einem dilettantisch fotokopierten Zettel zwischen der Kaffeemaschine, der Yucca-Palme und der Stechuhr.

Nun ja, nachdem Frau Wachendorff in allen handelsüblichen jüdischen Gemeinden der Republik nur als Abonnentin eines Gemeindebriefs (zum ermäßigten Preis) in Erscheinung getreten ist, sieht es um ihren Anspruch, schon immer jüdisch gewesen zu sein, doch eher kritisch aus.

Was das Gericht in Frankfurt/Main (eine Kommune mit Talent zur Israel-Kritik) vielleicht nicht davon abhalten wird zu behaupten, dass es aber ganz gemein von Judens ist, auf substanziellere Beweise für die Wachendorffschen Behauptungen zu bestehen, als ein vages Gefühl in der Magengrube und ein dreißig Jahre altes Foto, auf dem die “Lyrikerin” angeblich mit einem Halsschmuck in Form eines Davidstern zu sehen sein soll.

Solange sie nur sich selbst mit ihren andauernden Selbsttäuschungsversuchen in Mitleidenschaft zöge, bliebe es Frau Wachendorff vorbehalten, sich pseudobiografisch um die eigene Achse zu wickeln, bis sie sich nicht mehr wiedererkennt – als Italienerin, Afrikanerin oder Päpstin, meinetwegen.

So ist es aber leider nicht, denn Frau Wachendorff macht freiwillig-unfreiwillig, vor allem aber mit der allergrößten Selbstverständlichkeit, eine Farce aus der Shoah, die sie zu einer quasidekorativen Kulisse ihrer tragischen Lyrikerinnenexistenz umfunktionalisiert. Alle, die Dichtung und Wahrheit halbwegs sauber auseinader halten, werden diesem neuerlichen Spektakel mit der Abscheu begegnen, das es verdient.

(http://jennifernathalie.blogspot.de/2013/04/recht-im-namen-des-kostums.html enthält einen sehr unterhaltsamen Augenzeugenbericht vom Auftritt der Zeugin der Anklage)

haolam

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