Erinnerungswesen

Anfang Juli 1944 lösten die deutschen Herrenmenschen das zum Vernichtungslager Auschwitz gehörende und seit September 1943 bestehende “Familienlager” auf. Nachdem einige Tage zuvor eine Kommission des Internationalen Roten Kreuzes sich in Theresienstadt davon “überzeugt” hatte, daß es den Juden unter deutscher Herrschaft nicht allzu schlecht erginge, verzichtete sie auf die geplante Visite in Auschwitz-Birkenau.

Die SS sah darauf keinen Bedarf mehr für ein weiteres “Vorzeigelager”, dessen nun also nutzlos gewordene 4.000 Insassen, darunter zahlreiche Kinder, sie innert kürzester Zeit mit deutscher Präsizision routiniert ermordete. Beinahe genau 68 Jahre später veröffentlicht Welt online einen Beitrag unter der Überschrift: “Von Deutschland lernen heißt, erinnern lernen”:

“Am historischen Standort von Gestapo und Reichssicherheitshauptamt an der Berliner Wilhelmstraße, der alten und teilweise auch neuen Regierungsmeile im Herzen Berlins, steht seit zwei Jahren der Neubau des Dokumentationszentrums ‘Topographie des Terrors’. Das Gelände selbst hatte eine Bürgerinitiative vor 25 Jahren als geschichtlichen Ort wiederentdeckt: 1987, zur 750-Jahrfeier der damals noch geteilten Stadt, veranlasste sie hier, gleich neben dem Martin-Gropius-Bau und zusätzlich zur dortigen Jubiläumsausstellung, am 4. Juli die Eröffnung einer Begleitausstellung unter dem programmatischen Titel ‘Topographie des Terrors’.”

Und daher nun also ganz ohne falsche Bescheidenheit, dafür aber mit sehr falschem Komma: “Von Deutschland lernen heißt, erinnern lernen”. Der Stolz, der in der Formulierung mitschwingt, wirkt abstoßend. Denn dieses Erinnern wäre ohne die vorangegangenen Ereignisse weder nötig noch, und darauf kommt es durchaus an, möglich.

Und wer daher stolz ist auf das angeblich so vorbildliche deutsche Erinnern, wirft damit zwangsläufig die Frage danach auf, wie er es denn mit dem hält, an das erinnert wird. Ohne Nazi-Barbarei könnte schließlich niemand “von Deutschland lernen”. So wird der Holocaust zum Standortvorteil, weil er so wunderbare Einrichtungen wie die “Topographie” ermöglichte, die für den Autor wohl eine Art Disneyland des Schreckens ist.

Immer wieder geht der Autor gern hin, denn jede Woche lockt die “Topographie” mit neuen Attraktionen. “Im Wochenrhythmus flaniere ich [..] durch eine Welt der Verbrechen gegen die Menschheit, die ich aus immer neuem Blickwinkeln kennenlerne”. Das klingt doch, auch wenn es anders gemeint sein mag, nach einem ganz großen – nun, Spaß. Von Deutschen flanieren lernen, heißt erinnern lernen.

“Mit jeder neuen Sonderausstellung, mit jeder Abendveranstaltung deutlicher schält sich vor meinem geistigen Auge eine Art Staatsraison der Bundesrepublik Deutschland heraus, die hier entsteht: Der Mensch ist fehlbar und voller Vorurteile.”

Der Mensch? Ja, der Mensch mag “fehlbar und voller Vorurteile” sein. Doch was sind die möglichen Fehler und Vorurteile der ermordeten Juden des “Familienlagers” von Auschwitz-Birkenau verglichen mit den “Fehlern” und “Vorurteilen” jener, die sie im übrigen überhaupt nicht irrtümlich ermordeten? Die Verbrechen der deutschen Nazis waren (und sind) ihre und keine des Menschen oder der Menschheit allgemein.

Wo der Autor anscheinend bereit ist, manchen Tätern zu vergeben, indem er ihre Verantwortung und Schuld auf den Menschen abwälzt, kennt er kein Erbarmen ausgerechnet mit anderen, die ihr Leben im aktiven Kampf gegen die deutsche Barbarei riskierten und opferten. “Käthe Niederkirchner [..] war eine so fanatische Kommunistin, dass sie aus dem sicheren Exil in Moskau heraus hinter den feindlichen Linien über Polen mit dem Fallschirm absprang”.

Die “so fanatische Kommunistin” fiel der Gestapo in die Hände, wurde gefoltert, in verschiedene Gefängnisse und schließlich ins Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt, wo sie nach mehreren Monaten in Isolationshaft im September 1944 von SS-Wächtern erschossen wurde. Nach ihr wurde die Straße benannt, die der “Topographie” ihre Adresse gibt. Ein unhaltbarer Zustand.

“Die [..] Topografie des Terrors, würde sie ein Zehntel ihrer Energie vom Erinnern aufs Erkennen verlegen und ihrem Mauerrest als Mahnmal Reverenz erweisen, könnte vorangehen und den Namen Elisabeth Schmitz als Nachfolgenamen ins Gespräch bringen.”

Elisabeth Schmitz gehörte der Bekennenden Kirche (BK) an, “eine[r] Oppositionsbewegung evangelischer Christen gegen Versuche einer Gleichschaltung von Lehre und Organisation der Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) in der Zeit des Nationalsozialismus”, wie die deutschsprachige Wikipädia verrät. Die Opposition der BK war nicht grenzenlos, ist dort ebenfalls zu lesen:

“Die BK erklärte nie, dass Bekenntnistreue mit dem Dienst in der SS oder im KZ unvereinbar sei.”

Die Mörder des “Familienlagers” von Auschwitz-Birkenau, die Mörder Käthe Niederkirchners – waren sie Mitglieder der Bekennenden Kirche? Sie hätten es offenbar durchaus sein können. Aber hier gilt es wohl wieder Nachsicht zu üben, ist der Mensch doch “fehlbar und voller Vorurteile”. Sofern er sie nicht gerade “so fanatische Kommunistin” war. Das nahmen die Nazis so übel wie der Autor es nimmt, der der Welt das deutsche Erinnern beibringen möchte.

tw24

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