Das Magazin konkret über Butler und Adorno

Überhaupt erscheinen die Verwundungen durch ethische “Gewalt”, die Butler
imaginiert, harmlos und läppisch, verglichen mit jenen Verwundungen, die Adorno
im Sinn hat, wenn er von der “Liquidation des Subjekts” spricht. Was bei Butler
verwundet und normiert, sind stets Sprechakte: “Adressierungen”, denen das
Subjekt “ausgesetzt” ist und die die “narrative Struktur” der das “Ich”
konstituierenden “Erzählungen” gefährden könnten. Indem Butler die in der
neueren Psychoanalyse und im Poststrukturalismus gängige Illusion übernimmt, das
Subjekt forme sich, indem es eine “Geschichte” von sich erzähle, “Identität”
also narrativ erzeuge, verfehlt sie die Herausforderung, die Adornos
Moralphilosophie als Versuch einer Ethik nach Auschwitz darstellt. Die Nazis
haben ihre Opfer nicht “adressiert”, sondern massenhaft ermordet, und die Sorge
um die “narrative Struktur” der eigenen “Ich-Erzählung” würde angesichts der
NS-Mordmaschinerie zynisch erscheinen. Die Kategorie des Menschseins selbst ist
in den Konzentrationslagern liquidiert worden, und es gehört ein großes Maß
historischer Ignoranz dazu, wenn Butler Adornos Moralphilosophie als Versuch
liest, zu bestimmen, was “menschlich sein” bedeute, ohne zu reflektieren, daß
gerade die Erfahrung universaler und irreversibler Entmenschlichung Movens von
Adornos Denken war. So richtig Butlers Einsicht ist, daß die Reduktion ethischer
Maximen auf bloße “Selbsterhaltung” und die Verwandlung menschlicher Bedürfnisse
in kodifizierte “Rechtsansprüche” von Adorno als Zeichen jener Entmenschlichung
abgelehnt würden – die Behauptung, “unsere Chance, menschlich zu werden” liege
darin, “wie wir auf Verletzungen reagieren”, bleibt erschreckend hilflos.
“Verletzungen” – dies hat schon die Auseinandersetzung mit Rassismus und
Sexismus in Haß spricht gezeigt – scheinen in Butlers Welt ohnehin vorwiegend
als symbolische Verletzungen zu existieren, die sich sprachpragmatisch
analysieren lassen. Daß Verletzungen auch körperlich sein können, daß der
Prüfstein einer der Gegenwart angemessenen Ethik die Degradierung menschlicher
Körper zu “Abfall” und “Rohstoff” sein müßte, kommt einer Philosophie nicht in
den Sinn, die den menschlichen Körper nur als Fläche diskursiver
“Einschreibungen” und als Objekt subversiver ästhetischer Inszenierungen kennt.

Magnus Klaue in konkret 12-03

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