Akademiker für Frieden im Nahen Osten – Sektion Deutschland (SPME): Erklärung zur Verleihung des Adorno-Preises an Judith Butler

Die deutsche Sektion der internationalen Wissenschaftlervereinigung Scholars for Peace in the Middle East (SPME-Germany e.V.) protestiert gegen die für den 11. September 2012 geplante Verleihung des Theodor-W.-Adorno-Preises der Stadt Frankfurt am Main an die amerikanische Philosophin und Literaturwissenschaftlerin Judith Butler: Wer Israel boykottiert, kann nicht Adorno-Preisträgerin sein

Die Stadt Frankfurt behauptet, mit Judith Butler „eine der maßgeblichen Denkerinnen unserer Zeit“ auf dem Gebiet der Moralphilosophie zu ehren. Ist den Verantwortlichen bewusst, dass sie gleichzeitig eine der maßgeblichen Vorkämpferinnen eines akademischen und kulturellen Boykotts von Israel würdigen?

Über den Namensträger des Theodor-W.-Adorno-Preises erklärt die Stadt Frankfurt: „Mit seinem Namen verbindet sich die Vorstellung von liberalem, aufklärerischem Geist“[1]. Israelische Institutionen zu boykottieren ist das Gegenteil hiervon: Es ist nicht liberal, sondern antiliberal, es ist nicht aufgeklärt, sondern abscheulich und nicht hinnehmbar.

Judith Butler, der die Stadt Frankfurt den mit 50.000 EUR dotierten Preis in der Paulskirche überreichen wird, gehört zu den prominenten Unterzeichnern der „United States Campaign for the Academic & Cultural Boycott of Israel“[2]. Sie nutzt darüber hinaus ihr Renommee, um sich in öffentlichen Auftritten – z.B. im März 2011 im Rahmen einer „Israeli Apartheid Week“ in Kanada – für die internationale BDS-Kampagne (Kampagne für Boykotts, Investitionsabbrüche und Sanktionen gegen Israel) zu engagieren[3]. Wie stark sie sich mit der Forderung, Israel zu boykottieren, identifiziert, beweist Judith Butler auch im Kontext der Auseinandersetzung über den Nachlass von Franz Kafka. Sie begründet ihren Widerstand gegen den Verbleib dieses Nachlasses in Israel mit der Notwendigkeit, die Nationalbibliothek in Jerusalem zu boykottieren[4].

In Deutschland ist die BDS-Kampagne vergleichsweise wenig bekannt. Zuletzt ging die deutsche Sektion dieser Kampagne im Juni 2012 auf die Straße, um einen Auftritt des Israelischen Nationaltheaters Habima im Rahmen eines Berliner Theaterfestivals zu verhindern[5].

Diese Kampagne lässt die diktatorischen und autoritären Regimes der Region ungeschoren, um stattdessen in grotesker Einseitigkeit den jüdischen Staat zur Wurzel aller Übel im Nahen Osten zu erklären. Sie macht es sich zur Aufgabe, eine „Normalisierung“ der Beziehungen zwischen Arabern und Israelis zu verhindern und ruft weltweit dazu auf, Universitäten und kulturelle Einrichtungen einzig und allein in Israel zu boykottieren.

Gleichzeitig wird der Terrorismus und Antisemitismus der Hisbollah und der Hamas ignoriert oder gar verteidigt. “Ich halte es für extrem wichtig“, erklärte Judith Butler im März 2010, “Hamas und Hisbollah unabhängig von gewissen Kritikpunkten als soziale Bewegung zu verstehen, die progressiv sind, die zur Linken gehören und die ein Bestandteil der globalen Linken sind.“[6] Sie beteuerte später, die Taktik dieser Organisationen nicht zu unterstützen, insistierte jedoch darauf, beide Terrorgruppen „als linke Bewegungen“ zu beschreiben. …„Sie sind ,links‘ in dem Sinne, dass sie gegen Kolonialismus und Imperialismus opponieren.“[7] Der Philosoph Theodor W. Adorno trat der Judenfeindschaft in all seinen Erscheinungsformen vehement entgegen, während Judith Butler gegen Israel gerichtete terroristische Organisationen wie Hisbollah und Hamas verharmlost. Ihre Boykott-Aufrufe gefährden Israels Existenz, während dem Frankfurter Philosophen die gesicherte Existenz Israels besonders am Herzen lag: Er mache sich “schreckliche Sorgen wegen Israel“[8] schrieb er im Kontext des Sechs-Tage-Krieges von 1967 und warnte vor dem “Furchtbaren, das Israel, der Heimstätte zahlloser vor dem Grauen geflüchteter Juden, droht.“[9]

Dass heute ausgerechnet die Stadt Frankfurt, in der der „Judenboykott“ der Nazis von 1933 unvergessen geblieben ist, im Namen eines Gelehrten, den die Nationalsozialisten ins Exil getrieben hatten, ihren mit 50.000 EUR dotierten Preis an eine Person verleiht, die dazu aufruft, einzig und ausschließlich jüdische Einrichtungen des Staates Israel zu boykottieren, ist unerhört. Nachdem schon der Literaturnobelpreisträger Günther Grass Israel bezichtigte, den Weltfrieden zu gefährden, erweckt die krasse Fehlentscheidung der Stadt Frankfurt den Verdacht, dass sie die radikale Israelfeindschaft ihrer Preisträgerin teilt.

Prof. Dr. Ralf R. Schumann, Dr. Matthias Küntzel, Dr. Nikoline Hansen, Jörg Rensmann für den Vorstand von SPME Germany

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