Bankrotterklärung

Mit einem seltsamen “Kompromißpapier”, das die Unterschriften Martin Borowskys, Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Erfurt, Reinhard Schramms, stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Bodo Ramelows, Fraktionsvorsitzender der Partei Die Linke im Thüringer Landtag, und Albrecht Schröters, dem berühmtesten Denkblockadebrecher Thüringens, trägt, bewies das unterzeichnende Quartett, daß kein Kompromiß manchmal besser ist als ein fauler.

Ging es zuvor “nur” um die Unterstützung des sozialdemokratischen Oberbürgermeisters von Jena für einen pax christi-Aufruf zum Boykott israelischer Waren, drängt sich seit der gemeinsamen Erklärung vom Sonntag die Frage nach der Zurechnungsfähigkeit zumindest einiger der an ihr Beteiligten auf. “Ich werde”, wird zunächst Albrecht Schröter zitiert, “meine Unterschrift des Aufrufs” mit einer “Klarstellung versehen”, daß da, wo Boykott draufsteht, kein Boykottaufruf drinstecke.

Wenn eine Klarstellung nun doch nötig scheint, wieso konnte dann eine Unterschrift überhaupt erfolgen? Was immer man davon halten mag – eine Woche nach ihrer Ankündigung ist die versprochene Klarstellung bei pax christi offenbar noch nicht angekommen. Weder als Kurzmeldung ist sie zu finden noch als Ergänzung einer einzelnen Meldung zum Boykottaufruf. Und auf der Aktionsseite fehlt sie ebenfalls.

Wird Albrecht Schröter nun durch pax christi boykottiert oder boykottiert der sein eigenes Versprechen? Bodo Ramelow jedenfalls, der den pax christi-Aufruf in der Tat ablehnt, unterstützt weiterhin den Oberbürgermeister und lobt dessen “sehr einschränkende Bewertung”, “die jetzt auch von Pax Christi so verbreitet werden muss”. Doch auch des Linken Ruf hat pax christi bislang nicht erhört. Von der mangelnden Durchsetzungsfähigkeit des Sozialdemokraten und des Sozialisten unbeeindruckt zeigt sich Martin Borowsky.

Der Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Erfurt hält nämlich nur Albrecht Schröters Unterschrift auf dem pax christi-Boykottaufruf für falsch, hat ansonsten aber an dessen Zusammenarbeit mit den katholischen “Friedensaktivisten” nichts auszusetzen. “Herr Schröter”, schreibt Martin Borowsky, habe mit seiner Unterschrift “einen schweren Fehler begangen”, aber offenbar eben nur einen, der nun mit jener gemeinsamen Erklärung ausgeräumt sei.

Daß Albrecht Schröter 2010 an der Evangelischen Akademie in Bad Boll den “Nahost-Konflikt” durch einen Dialog mit einem Hamas-Vertreter lösen wollte, der dann freilich nicht kommen konnte, daß Albrecht Schröter auch in diesem Jahr wieder in Bad Boll auftreten wird, um von dort aus der israelischen Gesellschaft den Frieden zu erklären, ist in den Augen Martin Borowskys offenbar nichts, das zu kritisieren wäre – veranstaltet wurden und werden die Treffen in Bad Boll maßgeblich von pax christi.

Nein, Martin Borowsky hat andere Probleme als Albrecht Schröters eben nicht einmalige Kollaboration mit pax christi:

“In Thüringen stehen wir vor großen Herausforderungen.

Es gilt, das zum Gutteil noch nicht bewältigte Erbe zweier Diktaturen zu überwinden, die Aufarbeitung steht hier teilweise erst am Anfang,

es gilt, die Ressentiments älterer Bürger gegenüber Israel zu kontern, ein belastendes Erbe der DDR,

es gilt aktuell, mit dem furchtbaren Versagen in Thüringen in Sachen NSU umzugehen, hieraus Lehren zu ziehen,

es gilt, den etwa in Südthüringen virulenten Rechtsextremismus zu bekämpfen,

es gilt, die Asymmetrie zwischen Tätern und Opfer zu überwinden, durch Mahnmale, Gedenkzeichen wie die Erfurter DenkNadeln,

und nicht zuletzt gilt es, ein neues, blühendes Leben der jüdischen Gemeinde in Thüringen zu ermöglichen.

In dieser Situation wäre es aus meiner Sicht kontraproduktiv, ausgerechnet einen Streit unter den Freunden Israels zu führen, mag es hier auch vielfältige Nuancen, Schattierungen und Auffassungen geben, es wäre kontraproduktiv, Menschen wie Bodo Ramelow oder Albrecht Schröter an den Pranger zu stellen.”

Übersehen wir, daß die Formulierung “Erbe zweier Diktaturen” eine sehr problematische ist, ist die Aufzählung gewiß nicht falsch. Doch in diesem Zusammenhang wirkt sie als Entlastungsargument doch lächerlich. Albrecht Schröter löst ja gerade lieber den “Nahost-Konflikt” als die Probleme vor der eigenen Haustür. Da betet er zudem für einen Fall der “Mauer”, die doch allein dem Schutz vor Terrorismus dient, dort nehmen heimattreue Nazi seine performance “mit einem Schmunzeln” zur Kenntnis.

Muß man ihn deshalb umwerben, ihm mit einem faulen Kompromiß entgegenkommen? Glaubt der Vorsitzende der DIG in Erfurt, mit der nun wohl irgendwie eingeschränkten Unterstützung eines Boykottaufrufs einer notorisch “israelkritischen” katholischen Vereinigung könne ein “blühendes Leben der jüdischen Gemeinde in Thüringen” befördert werden? Meint Martin Borowsky ernsthaft, jemand, der sich für Gespräche mit der Hamas engagierte, könne glaubwürdig “den etwa in Südthüringen virulenten Rechtsextremismus” bekämpfen?

“Im Vorstand der DIG Erfurt waren wir uns einig, auch aufgrund mancher Reaktionen in der Bevölkerung, dass eine Fortsetzung der Kontroverse letztlich sogar schädlich für unsere Anliegen sein könnte.”

Das ist nicht mehr und nicht weniger als eine moralische Bankrotterklärung, mit der die DIG Erfurt eher zum Teil des Problems wird, denn zu dessen Lösung beiträgt.

tw24

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